Texte & Essays

Winterland

November 25, 2015

 Gestern Abend waren die ersten Flocken gefallen. Wir sind noch nachts auf die Straße gegangen, einmal zur alten Stadtmauer gewandert, um den ersten Schnee in diesem Jahr zu begrüßen. Die Menschen waren schon in ihren Betten, die Straßen ganz leer. Und leise fielen tausende und abertausenden von Flocken.
Heute Morgen dann gab die Dämmerung den Blick frei auf die Hügel und Wälder, bedeckt mit Puderzucker und ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, den frühen Morgen für einen Spaziergang im Winterwald zu nutzen. Um diese Uhrzeit begegnete ich keiner Menschenseele.

winterland2winterland1winterland7winterland6Nicht einmal ein Hundebesitzer kreuzte meinen Weg, als ich den kleinen Trampfelpfad einbog, der unter der Schneedecke mehr zu erahnen, als zu sehen war. Schon bald wurde der Schnee tiefer und unter meinen Schuhen erklang dieses unnachahmliche Knirschen, das es eben nur im Winter geben kann. Links und rechts des Weges neigten Brombeerbüsche und Birkenzweige sich unter ihrer weißen Last tief herab. winterland4winterland5Ich duckte mich unter ihnen hindurch, legte die letzten steilen Meter in höherem Tempo zurück und kam schließlich außer Atem und mit rosigen Wangen an der Wegkreuzung an, die sich hier teilt und von der aus mein liebster Spazierweg hoch in den Wald führt. Ich kletterte und rutschte mehr, als das ich ging, das abschüssige Gelände hinauf, immer tiefer und tiefer hinein in das Meer aus weiß verschneiten Bäumen. Alles, was mir hier sonst so vertraut war, schien in einem märchenhaften Schlaf zu liegen. Die Wege waren unberührt, nur einige Rehe waren schon vor mir aufgestanden, ihre Spuren verliefen sich im Dickicht. winterland10winterland11Der Wald schwieg. Außer dem Surren meines Kamerasuchers war kein Geräusch zu hören. Ab und zu wurde mir etwas unheimlich zumute, so ganz allein, aber der Anblick war viel zu magisch, um umzukehren.

winterland9Ich stapfte also weiter durch das Unterholz, hoch, bis zu der kleinen Stelle, an der sich die Bäume teilen und für gewöhnlich den Blick freigeben auf einen weiten Blick übers Land.
Heute schritt ich aus dem Waldrand direkt hinein in das Nichts. Vor mir tat sich ein endlos weites Nebelmeer auf, das nach wenigen Metern Sicht mit dem weißen Boden zu einem milchigen Horizont verschmolz. Ich blieb stehen und atmete tief ein.

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Hier oben gab es nur zwei Dinge: Den Nebel. Und die Stille. Es war, als ob die ganze Stadt, die unter dieser Nebelwand aufwachte, nicht existierte. Eingehüllt in Weiß, überall endloses Weiß. Als ob es nichts gäbe, zu dem wir zurückkehren müssten. Als wäre alles, was uns sorgt, bedrückt, in Hektik und Streß versetzt, einfach verschluckt. Man könnte meinen, dass es das Weiß war, das alles dominierte, aber das war es nicht, es war diese ungeheure Stille. Nicht einmal ein Vogel war zu hören, mir kam es vor, als ob sich selbst mein Atem in der nebligen Luft geräuschlos auflöste. Eine ganze Weile stand ich da, sah nur die wenigen Meter vor und hinter mir, wurde eins mit dem Nebel, dem Schnee, der Ruhe. In mir war nichts als Frieden. Ich wusste ja, dass ich zurückmusste, den Berg wieder hinunter, die Straßen hinab, in die Zivilisation, aber für diesen kleinen Moment am Morgen des ersten Schnees war ich vollkommen frei.winterland29winterland13winterland15winterland16

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8 Comments

  • Reply Polly November 25, 2015 at 10:35 am

    Oh, Kea, wie wunderschön Du von diesem Morgen berichtest!
    Es erinnert mich daran, wie ich früher mit meinem Pferd durch den schneebedeckten Wald geritten bin. Alles war so zauberhaft still, dass wir nur das Knirschen unter den Hufen hörten. Selbst die Rehe liefen nicht davon, weil sie uns als Teil des Waldes wahrnahmen. Leider habe ich gerade kein Foto zur Hand, aber ich werde es Dir nachliefern, damit Du ahnen kannst, in welche Freude Dein heutiger Artikel mich versetzt hat. Das letzte Foto finde ich übrigens besonders gelungen! Liebe Grüße und Danke für den Spaziergang! Polly

    • kea
      Reply kea November 25, 2015 at 11:30 am

      Liebe Polly, oh, zu Pferd stelle ich mir das auch wunderschön vor! Da würde ich mich dann auch nicht mehr gruseln, dieser dampfende Rücken unter mir, hin und wieder das Schnauben der Nüstern – was gibt es Schöneres? Ich bin sehr gespannt auf dein Foto, bitte nicht vergessen! Ich kann es mir lebhaft vorstellen, wie ihr da durch den Winterwald geritten seid! Liebe Grüße an dich! Schön, dass du mit mir mit spaziert bist anhand Bild +Text 🙂

  • Reply Ruhrstyle November 25, 2015 at 10:40 am

    So schön geschrieben und die Bilder sehen einfach traumhaft aus. Ich wünsche mir auch so sehr eine schöne Schneelandschaft, aber oft kommen die Flocken im >Ruhrgebiet nicht an 🙁

    • kea
      Reply kea November 25, 2015 at 11:33 am

      Vielen vielen Dank 🙂 Ich drücke ganz fest die Daumen, dass die weiße Pracht bald auch bei dir vorbeischaut!! Bis dahin sind die Bilder vielleicht ein kleiner Trost 🙂

  • Reply Nadine - breukesselchen November 25, 2015 at 10:41 am

    Schnee, Schnee, Schnee!!! Ich liebe Schnee und die Zauberei, die es bewirkt. Danke für deine schönen Eindrücke von deinem morgentlichen Spaziergang, Kea! Gerade gestern dachte ich, Mist, nun hast du die verschneiten Geranien nicht fotografiert…hahaha…die habe ich wegen des warmen Novembers doch auf dem Balkon gelassen. 😉 Heute gab es nochmal wieder richtig tolle Flocken und der Schnee knackte so aufregend unter den Füßen. Das erinnert mich immer an meine Kindheit: knackender Schnee und Schneemannbauen! Was will man mehr? Liebste winterliche Grüße, Nadine

    • kea
      Reply kea November 25, 2015 at 11:35 am

      Ich danke dir liebe Nadine, dass du virtuell mit auf den Spaziergang gekommen bist 🙂 Vielleicht lichtest du ja die Geranien mit Schneehäubchen jetzt doch noch ab? Es stimmt wirklich, Schnee verzaubert die Welt 🙂 Liebste Grüße!!

  • Reply Michi November 25, 2015 at 11:23 am

    Wie schön!
    Aber kennst Du das: Schnee klingt! Es ist eine ganz andere Stille. Nicht nur das Licht verändert sich beim Schnee in der Dunkelheit, auch die Geräusche werden in Watte gepackt. Sie tauchen in diese ganz besondere Schnee-Stille ein…

    • kea
      Reply kea November 25, 2015 at 11:36 am

      Schnee-Stille wird definitiv eins meiner liebsten Worte des Jahres! Man weiß einfach sofort, was damit gemeint ist! Liebe Grüße an dich! Ich würde gerne mal mit dir zusammen durch den Wald streifen 🙂

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