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Wie wir früher waren

March 22, 2017
Blog Autorin

Verschlungen habe ich es, anders kann man es nicht sagen. Mir mit den Augen einverleibt, in einem Lesemarathon, nach jeder nächsten Seite dürstend: Emma Clines „The Girls“. Ein Roman, der schon vor seinem Erscheinen unter amerikanischen Verlagen einen Bieterwettstreit ausgelöst hat, der in einen 2 Millionen Dollar Vertrag mündete. Für ein Erstlingswerk. 

Überbewertet? Durchaus nicht. Nur wenige Bücher der Gegenwartsliteratur schaffen es, mich sprachlich in ihren Bann zu ziehen. Ich hänge irgendwie in einer anderen Zeit fest, lese lieber Hesse, Mann, Colette oder Zweig. Neues ist mir oft zu nüchtern, ich vermisse die Poesie. Bei Cline ist das anders. Ganz anders. Ein Sturm, der über mich hinwegfegt, eine wahres Metaphern-Feuerwerk und eine Flut an zitatwürdigen Passagen, aus denen dieses Buch fast ausschließlich zu bestehen scheint. Cline versteht sich auf’s Mixen von Worten – sie muss jeden Satz ein paar Mal geschüttelt haben, wie Martini, bis jedes Wort scheinbar mühelos an die genau perfekte Stelle rutschte.

Ein Buch über die Verführbarkeit junger Menschen für gefährliche Ideen, über Verehrung und übers Verlorensein, atmosphärisch ungeheuer dicht und lose angelehnt an die Geschichte rund um die mörderische Manson-Family, eine Sekte, deren Gräuel-Taten dem Sommer der Liebe im Amerika der späten 60-er Jahre ein jähes Ende bereiteten.

Mich hat der Roman inspiriert, ein Gefühl auszuloten, das mir immer wieder zwischen den Seiten begegnete – die Anziehungskraft unserer Jugend. Diese unerklärliche, seltsame Melange aus süß und bitter, die unser Herz umschlingt, wenn wir an längst vergangene Tage denken. Und so habe ich, ohne groß nachzudenken, ein Stück Prosa verfasst, stilistisch angelehnt an den Roman. Ohne Anspruch, an Emma Cline heranzureichen, sondern einfach aus Lust am schreibenden Erforschen des menschlichen Gefühlsrepertoires.


Blog Autorin

Den Samstag verbringe ich langgestreckt auf dem Teppich im Wohnzimmer. Die Zeitschriftenberge und den Couchtisch habe ich beiseite geräumt, sodass ein freies, weiches Quadrat entsteht. Mein Körper sinkt in das hohe Flor des marokkanischen Kelims ein wie Tafelsilber in die dafür vorgesehenen Mulden in seinem Samtbett. Durch das Fenster hindurch flutet die Sonne meine Arme, Beine und das Buch in meinen Händen, das ich nur lose aufgeschlagen habe, ohne wirklich zu lesen. Wochenendtägliche Geschäftigkeit schwappt zu mir herein – Vogelgezwitscher, Kinderlachen, ein bellender Hund. Ich schwitze, aber der Wind, der durch das halb geöffnete Fenster streicht, kühlt mir Hals und Schultern mit der Erinnerung an den erst kürzlich vergangenen Winter.

Meine Position auf dem Teppich erinnert mich an früher. Erwachsene liegen wenig auf Teppichen, Teenager tun es ständig. Ich weiß nicht, warum wir mit dieser Gewohnheit brechen, wenn wir die Schule verlassen und uns dem Ernst des Lebens widmen. Ich erinnere mich gerne an die Jahre, in der ich als Jugendliche nach der Schule noch Freizeit hatte – als man den Ranzen in die Ecke warf, achtlos, wie leergegessene Schokoriegelpapiere und sich zwischen Mittag- und Abendessen ein süßer Raum ohne Regeln auftat. Auf dem Bett liegen und in die Luft gucken, versuchen, mit einem leergeleckten Eisstiel die Marschroute der Ameisen auf dem schmalen Balkon vor meinem Zimmer umzuleiten, meine Fingernägel in allen nur erdenklichen Nuancen von Rosa zu lackieren. 
Alles war magisch und verträumt, verlangsamt, wie in Zeitlupe. Ich hatte Muße, zu beobachten, wie die Sommersonne meine Haut Tag für Tag dunkler werden lies, aus den Zitronen, die es in riesigen gelben Bergen auf dem Markt zu kaufen gab, eisgekühlte Limonade zu machen und dem ausgeblichenen Gummiball meiner Schwester zuzusehen, wie er träge im Pool von links nach rechts trieb. Die Ereignislosigkeit jener Tage, sie kommt mir rückblickend vor, wie ein Paradies. Damals freilich erschien sie mir wie die Warteschleife für das richtige Leben, dem ich mit glühendem Herzen und voller Ungeduld entgegenfieberte.

Ich schließe die Augen und versuche, mir für einen Moment vorzustellen, ich wäre wieder fünfzehn. Meine Mutter stünde unten in der Küche und würde Enchiladas fürs Abendessen vorbereiten, der Duft von Tomaten und angebratenen Zwiebeln, der durchs ganze Haus zieht. Das unendlich beruhigende Wissen in mir, dass es nichts weiter zu tun gibt, nichts verlangt meine Aufmerksamkeit oder Verantwortung, höchstens vielleicht die eine oder andere Hausaufgabe, die ich aber auch genauso gut am nächsten Morgen im Schulbus von Maria abschreiben kann. Ich seufze. Meine Tage lagen damals vor mir in einer Sanftheit und Güte, die ich nie wieder auf die gleiche Art gefühlt habe. Vielleicht ist es das, was wir später vermissen, wenn wir an unsere Jugend zurückdenken. Nicht einmal die Tatsache, dass wir noch unbeschriebene Blätter waren, unsere Brüste unter unseren Sommerkleidern fest wie unreife Pfirsiche und der Hunger nach der Welt der Erwachsenen unbändig. Vielleicht ist es diese Unbestimmtheit, dieses in-den-Tag-hineinleben, das völlige Entspannen der Seele, bis sie durchhängt, wie eine zu lasch gespannte Gitarrensaite, das wir in unserem erwachsenen Leben nicht mehr wiederfinden können und dem eigentlich unsere Wehmut gilt, wenn wir zurückschauen. 

Unbemerkt ist die Katze ins Zimmer gekommen. Sie drückt ihren weichen Kopf in mein Gesicht, ihre Schnurrbarthaare zittern über meine Haut wie feinen Spinnenweben. Ich lasse meine Finger in ihr Fell eintauchen und überlege, was ich mit dem angebrochenen Tag noch anstellen kann. Noch will ich nicht vollständig zurückkehren in die Gegenwart. Warum geben wir uns überhaupt tagein tagaus damit zufrieden, mit diesem vernünftigen Leben. Wer hat irgendwann festgelegt, dass wir ab einem gewissen Alter nur noch von Pflichtgefühl zusammengehalten werden? Was wäre, wenn man uns dieses stützende Gerüst entreißen würde, würden wir zerbröseln, zu Staub? Unwillig lasse ich die Erinnerung langsam verblassen, bis die Konturen meines Wohnzimmers vor meinen flackernden Lidern wieder Gestalt annehmen. Mir ist nach dem Geschmack jener Jahre. Vielleicht bestelle ich was bei dem billigen Mexikaner unten an der Ecke. Als kleine Reminiszenz. 


Falls ihr “The Girls” gelesen habt – wart ihr genauso begeistert, wie ich? Überkommt euch Wehmut, wenn ihr an früher denkt? Was vermisst ihr und bei welchen Dingen seid ihr vielleicht froh, dass ihr ihnen entwachsen seid? Ist in unserer Welt mit ihrer Produktivitätsdoktrin überhaupt noch Platz für Müßiggang? Wenn selbst unsere Schulkinder schon zwischen musikalischer Früherziehung und dem Mandarin-Sprachkurs nicht mehr wissen, wie sich Langeweile überhaupt anfühlt – haben wir dann verlernt, auch einmal gar nichts zu müssen?

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7 Comments

  • Reply Susanne ZSchaubitz March 22, 2017 at 4:54 pm

    Ein wundervoller Rückblick auf das Gefühl der Freiheit im Ich. Ihre Beschreibung entführte mich sofort in genau diese Phase der Jugend in der ich entweder “Staudamm bauend” bis zum Hals im Schlamm steckte zwischen Fröschen und Grashüpfern, oder, bei schlechtem Wetter, in Büchern die Welt um mich herum verliess um in der Geschichte, die mich gerade fesselte, abzutauchen. Ganz gleich wie – ansprechbar war ich dann nicht mehr. Da gab es keinen “Anschlusstermin” nur die Dunkelheit, die das eine oder andere irgendwann unmöglich machte, holt mich zurück ins Außen. Und Sie haben (leider) völlig recht, dass die allermeisten von uns diese Fähigkeit mit dem steigenden Lebensalter irgendwann verlieren. Ich schmunzele ganz oft, wenn ich, im Rahmen meiner Arbeit, Menschen dazu anhalte in genau diese Phase wieder einzutauchen und dann ganz oft das Feuer wieder erleben darf, dass uns Menschen in dieser Lebenspahse häufig ausmacht. Danke für den Anstoss zur eigenen Erinnerungsreise!

    • kea
      Reply kea March 22, 2017 at 6:02 pm

      Staudämme und Grashüpfer klingen wunderbar und nach einer Welt, in der man sich wirklich getrost verlieren kann! Diese Faszination und Hingabe, ganz ohne Hintergrundrauschen durch Termine oder online-Dauerunterbrechnungen ist ein solcher Schatz 🙂 Wie schön, dass Sie diese Erinnerungen auch bei Ihren Kund*innen wieder wachkitzeln – das ist eigentlich ein unbezahlbares Geschenk, von dem sie bestimmt noch weit über das Projekt hinaus profitieren. Ich freue mich, dass Sie dank meines Artikels auch eine kleine Zeitreise gemacht haben! Und träume weiter fleißig von einer Gesellschaft der Zukunft, in der wir uns wieder mehr Freiräume schaffen! Herzliche Grüße!

  • Reply Diana Meier-Soriat March 22, 2017 at 7:45 pm

    Du sprichst mir aus der Seele. So sehr. Deine Zeilen… das könnte alles ich sein, denn ich han das genau so empfinden. Und ich sehe es an mir, meinen Kindern … wo ist das offline…? Danke… Für den Denkanstoß …. und Susanne: ja, Matsch, Staudämme bauen und Kaulquappen retten…

    • kea
      Reply kea March 22, 2017 at 8:06 pm

      Liebe Diana, vielen Dank für deinen Kommentar. Schön, dass ich dich mit meinen Zeilen berühren konnte! Ich glaube auch, dass die Digitalisierung noch voran getrieben hat, was der Tanz ums goldene Konsumkalb eh schon fördert – ein sich Wegbewegen von Gefühlen, die eben auch zum Menschsein gehören… Langeweile, Nichts-Tun, Unproduktivität, Aufgehen in analogen Tätigkeiten, ohne Erfolgsdruck. Nur weil es fast alle nicht mehr leben, heißt es nicht, dass es nicht wichtig ist… Ein Hoch auf den Matsch und die Staudämme! Liebe Grüße zu dir!

  • Reply Jenni March 23, 2017 at 6:39 am

    Liebe Kea,

    oh, ich kenne ihn auch gut, diesen zarten Duft der müßigen Tage, die irgendwie endlos lang waren und an die man sich so leicht erinnert, deren Substanz man aber so schwierig in die Gegenwart retten kann. Mir passiert das häufig, dass ich denke: Diese Sonnenstrahlen da draußen, dieser Duft – so ganz leicht changierend zwischen Regenwetter, Frühling und mit einer Prise Erwartung an das Kommende -, das wäre jetzt wieder so ein Tag, wenn du nochmal zwölf wärest. Du würdest deine Schlammsachen anziehen, raus auf die Felder, zwischen den Weiden herumkriechen und Räuber und Gendarm spielen. Das wäre wieder so ein Tag.
    Und was machst du stattdessen?
    Du sitzt vor dem Computer, steckst deine Nase in literaturwissenschaftliche Abhandlungen. Die ohne Frage ihren Reiz haben (sonst würdest du das ja nicht studieren). Aber irgendwie zieht die Sehnsucht dich zumindest in Gedanken vom Tisch weg, nach draußen, über die Felder…

    Besonders im Frühling sind solche Gefühle bei mir an der Tagesordnung. Daher habe ich meine Tage gesplittet: Morgens arbeite ich für die Uni, mittags bis nachmittags bin ich draußen unterwegs, um zumindest einen Schatten der damaligen Abenteuerlust zu suchen und abends widme ich mich meinen schreiberischen oder leserischen Mußestunden.
    So hole ich mir das ein wenig zurück, diese endlose Zeit in den Tagen – wohl wissend, dass auch diese Situation und damit das Gefühl, das noch einmal so erleben zu können, wohl bald vorbei sein wird und auch diese Tage gezählt sind.

    Liebe Grüße
    Jenni

    • kea
      Reply kea March 23, 2017 at 7:40 am

      Ach, meine Liebe! Lass uns das mal gemeinsam machen – draußen herumstromern, ohne festes Ziel, einfach, wohin die Freude uns führt. Deine Nachmittage klingen wunderbar, ich versuche manchmal, noch vor der Arbeit eine Runde durch den Wald zu drehen, das wappnet mich so gut für den Tag, danach kann mir eigentlich nichts mehr etwas anhaben ♥.
      Dein letzter Absatz macht mich ganz traurig – ist es denn so? Muss es so sein? Dass irgendwann damit Schluß ist? Oder können wir uns doch irgendwie ein Leben bauen, dem wir diese Zeiten noch abtrotzen können? Ich weiß, ich hab da als Selbstständige leichter reden, aber trotzdem… Ich will mich nicht damit abfinden, dass wir unser Leben in den Dienst von Arbeit und Geld stellen. Falls du überhaupt davon gesprochen hast, aber ich nehme es mal an?
      Ich drück dich!
      Kea

      • Reply Jenni March 24, 2017 at 9:50 am

        Oh ja, das wäre wunderbar! <3

        Ja, so ein bisschen schon. Ich würde mich gerne auch selbstständig machen nach dem Studium, habe aber bisher so gar keinen Plan, wie und fürchte, dass das wohl eher erstmal nichts werden wird und eine Festanstellung winken wird/muss. Obwohl ich da ja schon echt richtigrichtigrichtig Lust zu hätte…

        Liebste Grüße an dich!
        Jenni

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