Von Bäumen und Wurzeln

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Prolog

Die Geschichte beginnt mit den Bildern vor den Fenstern zu verschwimmen – Kiefernwälder, himmelgrau, Stämme, dicht an dicht, irgendwo zwischen Wolfsburg und Berlin. Die nur spärlich besiedelten Landstriche Brandenburgs flankieren die letzten Seiten des Buches in meinem Schoß. Nicht im mindesten hätte mich gewundert, wenn ein paar vertrocknete Blätter auf meinen Sitzplatz im Abteil geweht wären. So, wie es Erich in seinem Schlafzimmerwald passiert. Dem achtzigjährigen Wissenschaftler, der den Wäldern zeit seines Lebens so verbunden war, dass er nun in seiner Altbauwohnung Erde auf die Dielen schüttet und Bäume pflanzt, dort, neben seinem Bett. Erich ist eine der beiden Hauptfiguren im Roman „Betrunkene Bäume“ von Ada Dorian, der mich, abzüglich einer Teepause, exakt für die Fahrtzeit zwischen Frankfurt Hauptbahnhof und Berlin Spandau in Beschlag nimmt. Ich folge damit der Einladung vom Ullstein-Verlag, in Berlin die Taufe des neuen imprint Ullstein fünf zu feiern und einer Lesung von Ada Dorian zu lauschen. (Wer jetzt auch googeln müsste, als imprint wird im Verlagswesen eine Wortmarke bezeichnet, die im Buchhandel wie ein Verlag gehandhabt wird. Hinter ihr steht jedoch ein anders benanntes Verlagsunternehmen.) Nachdem im letzten Jahr mein eigener Erstling per Selfpublishing das Licht der Welt erblickt hat, habe ich nun also Gelegenheit, eine Autorin in freier Wildbahn kennenzulernen und einen Verlag von Innen zu beschnuppern. Noch dazu ein Wiedersehen mit meiner Herzensheimat Berlin – dazu kann ich unmöglich Nein sagen!


Herzstück

Koffer und Wiedersehensfreude sind im Hotel angekommen, den Duft von Chicken Kebap in der Nase, das wohlvertraute diee-daa-düüü der schließenden S-Bahn-Türen noch in den Ohren, betrete ich die heiligen Verlagshallen von Ullstein in Berlin Mitte. Ein bißchen exotisch fühle ich mich unter meinen buchbloggenden KollegInnen, aber diese Scheu verfliegt schneller, als man umblättern kann. Eine sehr angenehme Zunft, diese bibliophilen BloggerInnen! Eigentlich bin ich Gespräche über Reichweite, SEO und Kooperationen von Blogger-Events gewohnt – hier wird fröhlich die Reihenfolge der zu besuchenden Buchhandlungen in Berlin diskutiert. Damit haben sie natürlich alle direkt einen Stein bei mir im Brett. 

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Den Auftakt des blog@about macht eine Führung durch die Verlagsgebäude, die den Entstehungsprozess eines frisch vollendeten Werks nachzeichnet. Vom Lektorat über die Titelfindung und Covergestaltung – ich bin positiv überrascht, wie stark die AutorInnen beim Prozess im Verlag mit einbezogen werden. Die Befürchtung, die Wünsche der VerfasserIn würden in der Verlagsmaschinerie einfach überstimmt, bewahrheitet sich nicht – hier habe ich eher das Gefühl, dass sich eine fest eingeschworene und mit reichlich Enthusiasmus gesegnete Truppe gemeinsam mit den AutorInnen für das bestmögliche Ergebnis ins Zeug legt.

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Überhaupt ist dieses Gebäude, in dem es in allen Ecken und Nischen, in Regalen, auf Schreibtischen und eigentlich an fast jedem freien Platz vor Büchern nur so wimmelt einfach ein Ort, an dem ich gar nicht anders kann, als mich wohl zu fühlen.

ullstein betrunkene Bäume 11Nach dem abgeschlossenen Rundgang versammeln wir uns für die Autorinnen-Lesung im Eames-Stuhlkreis. Ich freue mich außerdem, endlich einmal live und in Farbe mit Julia Korbik zu plaudern, mit der ich die Liebe zu Simone de Beauvoir teile und die unser Gespräch mit Ada moderiert.

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Aber erst einmal wird es mucksmäuschenstill. Ada, ihres Zeichens genauso ruhig, konzentriert und aufmerksam, wie die Erzählweise ihres Romans, schlägt das Buch auf und beginnt, zu lesen. „Betrunkene Bäume“ begleitet auf 264 Seiten die Geschichte von Ausreißerin Katharina und dem betagten Wissenschaftler Erich. Zwei Menschen, die mehr gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Der alternde Mann, dem die eigene Vitalität Tag für Tag spürbar abhanden kommt, der zunehmend den Halt verliert und die junge Frau, die ihre eigenen Wurzeln in ihrer Ursprungsfamilie nicht fest genug in den Boden schlagen konnte, die von zu Hause wegläuft und schließlich in Erichs Nachbarwohnung unterkommt. Beide sind ins Straucheln gekommen, haben sich in die Sackgasse der Isolation hineinmanövriert und genau in diesem Moment der Unsicherheit begegnen sie sich. „Junge Menschen können genauso einsam sein, wie alte, es fällt nur weniger auf.“, sagt Ada. 

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Alle, die mir auf Instagram folgen, wissen, dass es zu meinen liebsten Beschäftigungen gehört, durch die Wälder rund um Wiesbaden zu streifen. Dort kann ich eigentlich alles am Besten: Denken, Schreiben, Atmen. Kein Wunder also, dass sich die Figur von Erich von der ersten Seite an so vertraut anfühlt. Dass es keineswegs befremdlich ist, in das Innenleben eines alten Mannes einzutauchen. Seine Erinnerungen an die Vergangenheit, an seine Expeditionen als junger Forscher in der Taiga sind in atmosphärische Beschreibungen der wilden, rauen Landschaft eingebettet. Man bekommt mit ihm Sehnsucht nach diesen fernen Wäldern längst vergangener Tage. Wie Menschen im letzten Lebensabschnitt mit ihrem immer kleiner werdenden Raum an Möglichkeiten und all den darin mitschwingenden Gefühlen wie Ohnmacht, Wut, Traurigkeit oder Trotz konfrontiert sind, das beschreibt Ada einfühlsam, aber ohne sich in Gram und Leid festzufahren. 

Eine fein beobachtet und erzählte Geschichte ist die eine Sache, die ein Buch wertvoll für mich macht. Der zweite Wunsch an eine Autorin ist: Liebe zur Sprache. Ein Buch, in dem ich keine Sätze für meine ganz persönliche, literarische Zitatsammlung anstreiche, kann es nicht in meine Hitlist schaffen. Betrunkene Bäume hat solche Sätze. Mit Exemplaren wie diesem schlägt Ada eine Schneise direkt in mein Herz:

„Hier in den Wäldern konnte der Herbst in der Geschwindigkeit eines gefällten Stammes in den Winter kippen.“

Derlei Wortmusik ist die Kirsche auf der Sahne. Einfach schön. Das ist, was Literatur für mich ausmacht, ist mein Grund, zu lesen. Und zu schreiben. Wunderbar, dass Ada sich Zeit nimmt, für die Entwicklung ihrer Figuren, für Atmosphäre und Details. Ihre Sprache ist zart. Etwas, was ich in der jungen Literatur vermisse, die oft durch die wilde Aneinanderreihung möglichst derber Begifflichkeiten auf sich aufmerksam zu machen versucht. Betrunkene Bäume ist ein poetisches Buch, ein Buch der leisen Töne, eine selten gewordene Qualität, die ich sehr zu schätzen weiß.

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Überhaupt beeindruckt mich die Autorin auch mit ihren Einblicken, die sie in ihr Leben als Schriftstellerin gewährt – auf meinem Zweitblog thirtyplus habe ich darüber geschrieben, welche Denkanstöße sie meinem schreibenden Ich mit auf den Weg gegeben hat. Sich selbst beschreibt Ada als optimistische Melancholikerin – denn obwohl sie mit „Betrunkene Bäume“ durchaus schwergewichtige Themen wie Isolation, Sprachlosigkeit und Verlorensein aufgreift, lässt sie ihre LeserInnen nicht in den Tiefen des Lebens zurück, sondern gibt Ausblicke, zeigt Auswege und Abfahrten, die man hätte nehmen können. Über ihr Buch sagt sie:

Jeder darf darin finden, was er darin sucht.

Was ich darin gefunden habe? Vielleicht hätte ich etwas anderes entdeckt, wenn ich das Buch an einem anderen Ort gelesen hätte. Aber so, mit der Berliner Hinterhofkulisse vorm Hotelfenster, finde ich darin mein eigenes Gefühl von schwankender Erde und Wurzellosigkeit. Zwei Jahre war Berlin mein Teilzeit-Zuhause, hat Menschen, Gedanken und Gefühle in mein Leben gespült. Es fehlt mir wahnsinnig. Beim Gedanken, bereits am nächsten Tag wieder abreisen zu müssen, zieht sich mein Herz zusammen wie Dörrobst. Ich will nicht weg, ich will noch ein bißchen Wurzeln schlagen, auch wenn das gar nicht so leicht ist, hier, im Asphalt. In mein Notizbuch kritzele ich ein paar Zeilen Großstadtlyrik. 

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Epilog

Als der Zug aus dem Bahnhof rollt, liegt die Stadt verborgen unter dichtem Nebel. Als wollte sie mir den Abschied leichter machen. Bald taucht vor den Fenstern das flache Umland von Berlin auf. Nichts erinnert hier an die vibrierende Großstadt in nur wenigen Kilometern Entfernung. Alleen und Weidezäune scheinen bis zum Horizont zu reichen, die Sonne blickt träge hinter den Wolken hervor, als flache, weiße Scheibe, fast, wie ein zweiter Mond. Ich fühle mich entwurzelt. Gewaltsam einem Boden entrissen, der mich so gut nährt. Ich schließe die Augen, möchte sie geschlossen lassen für die folgenden sechs Stunden. Wünschte, der Zug könnte mich direkt bis in den Wald tragen. Dort, wo ich mich an die Stämme der mächtigen Bäume lehnen kann und mir ein Stück ihrer Kraft leihen kann. Wälder scheinen viel davon zu haben.

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Titelfoto Zug: Usamah Khan über unsplash

19 Comments

  1. Fräulein Julia says:

    Was für ein ruhiger, poetischer Artikel, liebe Kea, sehr passend zum Buch! Ich hab es sehr ähnlich empfunden an diesem Nachmittag.

    1. kea kea says:

      Ich danke dir, Julia! Schön, dass ich auch dein Gefühl einfangen konnte. Ich hab mich sehr gefreut, dass wir uns endlich einmal ganz analog begegnet sind 🙂 Liebe Grüße zu dir!

  2. David says:

    Ein toller Beitrag, der mich auf das Buch neugierig macht! Und deine Erlebnisse beim Verlag, in Berlin und der Reise durch Brandenburg kann ich sehr gut nachempfinden. Berlin & Brandenburg sind wie Feuer & Wasser, und doch gehören sie zusammen. 🙂

    1. kea kea says:

      Hallo David, vielen herzlichen Dank, ich freu mich, dass dir der Artikel gefällt 🙂 Ich kann „Betrunkene Bäume“ auf jeden Fall allen empfehlen, die schön erzählte Geschichten mögen, die ihren Protagonisten den Raum geben, sich zu entwickeln. Stimmt, Berlin und sein Umland sind zwei Extreme nebeneinander und beide auf ihre Art einfach zauberhaft! Liebe Grüße an dich! Kea

  3. Flo | Tasteboykott says:

    Dein Artikel liest sich so viel schöner als die üblichen „Bloggerevents“ à la „und dann haben wir den Workshop gemacht und anschließend alle Networking betrieben“. Macht mich ganz neugierig, selber mal einen Verlag zu besuchen.
    Dein Gedicht gefällt mir natürlich auch mal wieder sehr gut.
    Liebste Grüße!

    1. kea kea says:

      Oh, vielen lieben Dank, Flo! Das freut mich sehr! Ich muss sagen, dass das Event auch für mich eine wirklich angenehme Ausnahme vom üblichen Bloggerzirkus war. Auf den gängigen Veranstaltungen rund um die Blogosphäre habe ich mich zuletzt nicht mehr wohl gefühlt, dieser überall spürbare Konkurrenzgedanke und der Drang nach Reichweite und Monetarisierung hat mich ermüdet. Im Verlag hatte ich das Gefühl, etwas wiedergefunden zu haben, dass ich bei anderen Events vermisst hatte: Unter Menschen zu sein, die einfach durch ihre Begeisterung getrieben werden, die eine Leidenschaft für ihr Thema haben, die nicht vergütet werden muss, um Spaß zu machen. Die Buchbloggerszene kam mir so zitronigleicht vor, im Gegensatz zur Lifestyle-Blogger-Szene. Liebe Grüße zu dir!

  4. Lisa | Its pretty nice says:

    Hallo meine Liebe, das klingt ja wunderbar! Schön, dass Berlin dich für einen kurzen Augenblick wiederhatte und du mal ein Bloggerevent der anderen Art besuchen konntest (klingt auch eher nach meinem Geschmack). Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen und viele zukünftige Besuche in der Hauptstadt 🙂 Liebste Grüße, Lisa

    1. kea kea says:

      Hey meine Liebe, dir hätte es dort auch gut gefallen, da bin ich ganz sicher 🙂 Ich hoffe, dass wir uns ganz bald in Berlin wiedersehen ♥♥♥ Hab ein wunderbares Wochenende!

  5. Antonia says:

    Jetzt hab‘ ich richtig Lust bekommen, das Buch zu lesen. Gut gemacht! 🙂 wunderschoene Wortwahl.

    1. kea kea says:

      Wie schön, Antonia, das freut mich sehr! Es steckt auch besonders viel Liebe in diesem Beitrag 🙂 Falls du dir das Buch kaufst, wünsche ich dir auf jeden Fall viel Spaß bei der Lektüre!

  6. Lea says:

    Einfach wunderschön! Durch und durch eine warme Amtsophäre, allein durch Worte. 🙂 Auch ich würde sehr gerne mal ein Event dieser Art besuchen.

    1. kea kea says:

      Vielen lieben Dank, Lea 🙂 Freut mich sehr, dass ich meine Eindrücke so gut transportieren konnte und euch alle mit dem Verlags- und Lesungsfieber angesteckt habe! 🙂

  7. Detlef says:

    Bin gespannt wie die Betrunkenen Bäume sich im Blätterwald schlagen 😉

    1. kea kea says:

      Das hast du aber ganz besonders schön gesagt! 🙂

  8. Jochen Kienbaum says:

    Ein sehr schöner Text und schöne persönliche Gedanekn zum Buch. Gefällt mir! lg_jochen

    1. kea kea says:

      Vielen Dank, Jochen, das freut mich wirklich sehr!

  9. Blogger-Event im Ullstein-Verlag zum Debütroman von Ada Dorian says:

    […] Der Ullstein-Verlag und das neue Imprint Ullstein fünf laden zum Blogger-Event. […]

  10. Annette says:

    Ein sehr feinfühliger und ruhiger und liebenswerter Artikel… ich freue mich, dass ich hierüber auf deinen Blog gestoßen bin. Liebe Grüße Annette

    1. kea kea says:

      Liebe Annette, vielen Dank für diesen schönen Kommentar! Das freut mich von Herzen! Liebe Grüße zu dir! Kea

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