Aus meinem Leben Prosa

Von außen

October 21, 2016

Wenn deine Sätze abgehackt werden, dann weiß ich, es ist wieder soweit. Innerlich seufze ich dann auf, weil mir vor dieser nächsten Phase graut, von der man nie sagen kann, ob sie Tage oder Wochen andauernd wird. Ich lasse mir nicht anmerken, wie müde ich bin, dir dabei zuzusehen, wie du dich selbst zerfleischst. Ich schlucke die Hilflosigkeit und manchmal auch die Verzweiflung hinunter, atme aus und lasse dich in deinen Abgrund gehen. Ich weiß, es ist unvermeidlich.

Manchmal kommt der Wechsel ganz unvermindert, irrsinnig plötzlich, wie ein Sprengsatz in deinem Gehirn, der mit einem Mal zündet. Kurze Sätze, nur noch stakkatoartige SMS, in denen die Worte wie Salven aus einem Maschinengewehr in die Tastatur gehämmert worden sein müssen, mit solcher Wucht kommen sie bei mir an. „Ich kann nicht mehr“. „Alles kotzt mich an, aber egal. Kümmer dich nicht darum.“ „Es hat keinen Sinn.“ Hinter jeden Satz setzt du dann einen Punkt und ich weiß, wenn es sehr viele Punkte sind, geht es dir besonders schlecht. Es ist so, als wolltest du deinen Nachrichten, die sowieso schon vernichtende Aussagen enthalten, die keinen Widerspruch dulden, noch ein Quentchen mehr Gewicht verleihen. Die Punkte sind deine Abstandhalter, sie halten mich auf Distanz. “Komm mir nicht zu nahe!“, schreit jeder einzelne von ihnen. Alles an dir ist auf Abwehr geschaltet und während ich früher noch versucht habe, die Schatten, die in deinen Augen aufzogen, zu vertreiben, mich ihnen entgegenzustemmen, bleibt mir mittlerweile nichts anderes mehr, als dich gehen zu lassen.

An der Fassade deines Gesichts perle ich ab wie Wassertropfen auf Bratfett. Du willst mich nicht mehr hineinlassen, wirfst mir nur unverständliche Brocken hin, hässliche, pechschwarze Klumpen Seelenabfall. Sie verkleben alles, wie eine Ölpest, sie lassen das Gespräch zwischen uns zäh werden, denn du bist darin verloren und ich, ich stehe hier draußen und kann dir nicht helfen. Dabei möchte ich deinen Kopf zwischen meine Hände nehmen, dir tief in die Augen sehen und ein Licht in dich hineinleuchten, das alles wieder gutmachen kann. Es gibt keins. Und du lässt mich nicht.

Mir bleibt nichts übrig, als dich loszulassen an deinen inneren Dämon, der dich sich einverleibt, vollständig, bis er dich nach einiger Zeit, mal kürzer, mal länger, wieder freigibt. Meistens komme ich ganz gut zurecht während deiner Tauchfahrt ins Dunkle, aber machmal, so wie heute, da lebe ich zwar weiter, bin geschäftig, arbeite, kaufe ein, koche Kartoffeln, aber so ganz vermag ich das Gefühl in meiner Brust nicht zu vertreiben, das Gefühl, dich allein zu lassen mit diesem Kampf.

Es ist ein so ungleicher Kampf, dein Gegner scheint alle Waffen zu haben und du keine einzige. Dann starre ich in das kochende Kartoffelwasser, als könnte meine Sorge um dich darin verdampfen. Ich weiß, du wirst wieder auftauchen, du wirst wieder lachen, ich weiß es, jedes Mal ist es so. Aber was würde ich darum geben, wie sehnlichst wünsche ich mir eine Strickleiter, um mit dir hinabsteigen zu können! Besonders dann, wenn du, wie heute, Tränen in deiner Stimme hattest. Nur selten kommen sie an die Oberfläche und auch eben nur als ein leichtes Zittern. Für Menschen, die dich nicht kennen, unhörbar, für mich ohrenbetäubend laut. Da ist sie, deine Verzweiflung. Verzweiflung und Ohnmacht darüber, dass du kein Gegenmittel hast gegen die Angst, gegen den Druck, der wie ein Panzer über deine Brust rollt. Und du zeigst sie mir, nur kurz, bevor du dich wieder unter deiner selbstzerstörerischen Kontrolle hast. Für ein paar Sekunden flattert sie mit dem Zittern in deiner Stimme zu mir hindurch, wie ein Vöglein, das inmitten einer riesigen Mauer aus Granit einen winzigen Spalt gefunden hat, um hindurchzuschlüpfen.

Dieses Vöglein sitzt jetzt auf meiner Hand, so klein und zart und mich durchströmt das dringende Bedürfnis, ihm all meine Liebe einzuhauchen, sie ihm unter die Flügel zu stecken und es wieder zu dir zurückzuschicken, hinter deine Festung. Damit ich nur ein klein wenig Hoffnung und Zuversicht in deine Nacht bringen kann.

Foto: Pixabay

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19 Comments

  • Reply Daniela - Libellenglück October 21, 2016 at 8:27 am

    Mir bleibt nur zu sagen, trotz des traurigen, bedrückenden und schmerzlichen Themas: WOW.
    Deine Worte berühren! Zutiefst.

    • kea
      Reply kea October 21, 2016 at 8:52 am

      Danke dir, liebe Daniela, fürs Mitfühlen, fürs sich-Berühren lassen und deine lieben Worte!

  • Reply Marlene October 21, 2016 at 8:39 am

    Wundervoll liebe Kea! Und so wichtig auch “die andere Seite” anzuschauen. Die, die dabei sind, die, die mitleiden, die, die helfen wollen und sich doch so hilflos fühlen. Ich bin mir sicher, dass du für diesen Menschen ein unglaublich wertvoller Anker bist.
    Ach ich will gar kein “Therapeutengequatsche” hier loswerden, heute nicht ;-). Ich bin begeistert, Kea. Und ja: WOW – deine Worte berühren!

    • kea
      Reply kea October 21, 2016 at 8:56 am

      Liebe Marlene, meistens ist “Therapeutengequatsche” ja ziemlich weise, deshalb darfst du das immer gern hier loswerden :* Ich glaube auch, es gibt Viele da draußen, die mit diesen Gefühlen konfrontiert sind und ich fürchte, ich habe im Laufe meines Lebens auch manches Mal einige Menschen “draußen” gelassen. Dass ich in diesem konkreten Fall ein Anker sein kann, das hoffe ich sehr. ♥

  • Reply Minza will Sommer October 21, 2016 at 8:40 am

    Es ist so schrecklich + Deine Worte so gut. ♥

    • kea
      Reply kea October 21, 2016 at 8:56 am

      Danke dir, Maren. ♥♥♥

  • Reply Julia (mammilade-blog) October 21, 2016 at 9:50 am

    Sprachlos, beklemmend, schrecklich und traurig…
    Aber ich bin stark beeindruckt von deinen Worten!
    <3 <3 <3

    Julia

    • kea
      Reply kea October 21, 2016 at 1:09 pm

      Ich danke dir, Julia. Ja, es ist schwer, das mitzuerleben 🙁 Wir Menschen haben eben nicht nur die Sonnenseiten in uns, der Schatten gehört genauso dazu. Liebe Grüße zu dir!

  • Reply Sabrina October 21, 2016 at 10:27 am

    ich fühle mich zurzeit genauso 🙁

    • kea
      Reply kea October 21, 2016 at 1:09 pm

      Liebe Sabrina, das tut mir leid, zu hören. Ich wünsche dir viel Kraft und schicke Zuversicht und Sonne in dein Herz!

  • Reply Nadine - breukesselchen October 21, 2016 at 11:10 am

    Meine Süße, mir sind die Tränen gekullert…
    Das Vöglein braucht dich und doch ist es auch eine große Last und Verantwortung, sich darum zu kümmern. Ich hoffe, ich interpretiere nicht allzu viel in deine Worte hinein, denn sie machen mir etwas Sorgen. Sorgen um dich, ob dich da etwas sehr Tiefes belastet und in deiner Gegenwart ist. Und ob du die Kraft findest, die Hand immer zu reichen. Es ist nie einfach, immer der Anker zu sein, doch ich bin mir andererseits auch sicher, dass dein großes Herz und deine Liebe die Kraft ausstrahlen, die in solchen Momenten benötigt wird. Und zusammen kann man Ketten sprengen!
    – Die Sonne findet auch jeden Morgen den Weg durch die Dunkelheit wieder und die Vögel begrüßen den neuen Tag mit ihrem Gesang. – Dieser Gedanke dient zwar einerseits als Metapher, doch liegt auch viel Wahres darin.
    Fühle dich lieb gedrückt und ganz viel Stärke, Deine Nadine ♥♥♥
    P.S. Das Bild mit dem kleinen Vöglein ist sooooo putzig!!!

    • kea
      Reply kea October 21, 2016 at 1:13 pm

      Meine liebe Nadine, oh, das wollte ich nicht, mach dir bitte keine Sorgen! Ich kenne das Auf und Ab des Lebensmeeres selbst so gut, bin nun schon einige Jahre als Kapitänin unterwegs und gehe sicher nicht unter :* Mir ist wichtig, dass ich auf hello mrs eve auch ein Zuhause habe für die traurigen und schwierigen Momente, immer in dem Bewusstsein, dass sie im Laufe der Zeit eben immer nur Momente sind – genauso wie die himmelhochjauchzenden, die ich hier manchmal mit euch teile 🙂 Beim Aussuchen des Bildes vom Vöglein musste ich übrigens an dich denken und war sicher, dass es dir besonders gefallen würde! Ich drück dich und freu mich sehr, dass wir uns im November auf der blogst sehen! ♥

  • Reply Jenni October 21, 2016 at 4:37 pm

    Ich lasse ein bisschen Liebe da, ich glaube, mehr braucht es nicht: ♥.

    Liebe Grüße an die, die mit den Buchstaben tanzt!
    Jenni

    • kea
      Reply kea October 21, 2016 at 4:57 pm

      Wie lieb von dir Jenni! Stimmt, Liebe hilft am Besten, kombiniert mit der Erleichterung, sich alles von der Seele geschrieben zu haben. Und diese Bezeichnung ist glaube ich das süßeste Kompliment, das ich je gelesen habe. Danke ♥

  • Reply Ruhrstyle vegan.nachhaltig.fair. October 21, 2016 at 5:28 pm

    Liebe liebe Kea, ich sende dir eine Umarmung voller Kraft, denn manchmal ist es für die, die außen stehen noch schwieriger, als für die die mittendrin sind.

    Rebecca

    • kea
      Reply kea October 25, 2016 at 11:55 am

      Vielen Dank, meine Liebe ♥

  • Reply Moni October 26, 2016 at 8:06 pm

    Liebe Kea
    Deine Worte haben mich sehr berührt. Ich fühle manchmal genau so. Irgendwie sind wir ein Teil von diesem Kampf und trotzdem können wir nicht kämpfen und trösten, da wir an der Wand abprallen und dies tut so weh.
    Wünsche dir viel Kraft und Liebe!
    Herzgruss,Moni
    http://www.unterwegsmitmir.com

    • kea
      Reply kea October 27, 2016 at 5:53 am

      Liebe Moni, es tut mir leid, zu hören, dass du ebenfalls manchmal an der Mauer stehst und zusehen musst und ich hoffe, dass ich dir durch den Text wenigstens ein bißchen Kraft geben konnte, weil er dir zumindest versichert, dass du nicht allein bist damit! Auch für dich viel Zuversicht und gute Energie! Kea

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