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Teilzeitherz

November 19, 2015

Es ist jedes Mal das Gleiche. Fahre ich von Wiesbaden nach Berlin, will ich nicht. Fahre ich einige Wochen später von Berlin zurück nach Wiesbaden, will ich auch nicht. Aber der Wind treibt mich fort, an diesem Novembertag, die Haare voran, der Rest von mir stolpert hinter her, Kea, Koffer, Rucksack. Ich bin nicht gut im Abschied nehmen, war ich noch nie. Veränderungen machen mir Angst, auch wenn ich mit meinen 30 Jahren weiß, dass sie zum Leben dazu gehören. Aber muss es gleich so oft sein? Alle paar Wochen wechsele ich komplett das Leben – und der Kontrast könnte nicht größer sein. Während ich in Hessen durch den Wald streife, auf unsere benachbarte Burg kraxele und über die Hügel ins Land schaue, immer im selben Supermarkt einkaufe und das für zwei, flitze ich in Berlin von einem Termin zum Nächsten, sauge die kreative Welle dieser Stadt in mich auf, Bilder, Menschen, Begegnungen.
Wiesbaden ist Beschaulichkeit, Mittagessen im Esszimmer, Fernsehabend auf dem Sofa, Mann an meiner Seite, Katze auf dem Bauch. Berlin bedeutet Einraumwohnung, Single-Portionen, Waschsalon, Cafés, Bars, Märkte, Straßenmusik.
Man muss schon schizophren sein, um bei einem derart harten Bruch nicht jedes Mal einen emotionalen Jetlag zu haben. Plötzlich schnarcht wieder jemand neben mir. Und plötzlich werde ich morgens wieder wachgeküsst. Plötzlich sind viele Freunde kilometerweit weg, aber die Hektik genauso. Plötzlich habe ich Wiesen und Wurzeln unter den Füßen und nicht mehr Kopfsteinpflaster und ausgespuckte Kaugummis, aber mit einem Mal ist auch der Rausch an Ideen und neuen Eindrücken weg und ich habe einen sozialen Kater.
Das vergessen die Menschen oft, die meinen unkonventionellen Lebensstil bewundern, die sagen „ Wow, dann hast du ja das Beste aus beiden Welten“. Ja, das ist wahr, das habe ich tatsächlich.
Aber eben nie zur gleichen Zeit. Es wird immer etwas fehlen. Egal, in welche Richtung ich fahre, an welchem Bahnsteig ich stehe, jedes Mal lasse ich ein Stück meines Herzens da. Bald sind 12 Monate um, ein Jahr Parallel-Existenz und ich habe mich noch kein Stück daran gewöhnt.
Zurück in Wiesbaden mache ich am frühen Morgen erstmal einen Spaziergang. Komisch, spazieren um des Spazierens Willen tue ich in Berlin tatsächlich selten, meistens bin ich doch auf dem Weg von A nach B. Hier aber ticken die Uhren etwas gemächlicher und ich lasse mich treiben, durch die schmalen Straßen, vorbei an Fachwerkhäuschen und Nachbarschaftsklatsch. Auf dem Weg in den Wald komme ich an einem Garten vorbei. In der milden Morgenluft stehen die letzten Hortensien, noch zart errötet, bald werden sie farblos sein und den Winter lang still ausharren, bis sie im kommenden Jahr wieder in voller Pracht erstrahlen. Wie oft kann man wohl eine Blume unbeschadet umpflanzen?
Wird es ihr irgendwann zu bunt? Oder macht es sie kräftiger, ihre Lebensenergie größer? Ich habe keine Antwort. Deshalb werde ich wohl noch eine ganze Weile so weitermachen, Teilzeit-Leben, Teilzeit-Herz. Denn ein bißchen ist es doch so: Meine Wurzeln mögen hier sein, aber durch Berlin hat meine Seele neue Farben dazu gewonnen.

 

 

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14 Comments

  • Reply Lena B November 19, 2015 at 3:02 pm

    Wunderschön geschrieben, Kea. Willkommen zurück in Wiesbaden an diesem warm-grauen Herbsttag =)

    • kea
      Reply kea November 19, 2015 at 3:59 pm

      Vielen lieben Dank! Mir fiel übrigens gegen 16 Uhr auf, dass es der letzte warm-graue Herbsttag für laaaaaange Zeit sein könnte – und nun habe ich noch eine Turbo „Scheiße, ich muss doch noch die Nachtschränkchen lackieren“-Aktion im dämmrigen Hinterhof eingeschoben. Ich bin mal gespannt auf morgen früh, wenn ich sehen kann, was ich da überhaupt wie lackiert habe :)))) Liebe Grüße!!

  • Reply Polly November 19, 2015 at 4:01 pm

    Liebe Kea,
    wieder einmal sprichst Du mir aus der Seele. Auch ich habe meine zwei Leben und muss sie vereinen. Hamburg als Lebensmittelpunkt und die Normandie als Herzensmittelpunkt. Sie haben viel gemeinsam, sind aber grundlegend gegensätzlich. Es ist eine Herausforderung und eine Bereicherung.
    Liebe Grüße
    Polly

    • kea
      Reply kea November 19, 2015 at 4:09 pm

      Liebe Polly, schön, dass du dich in meinem Text wiederfinden konntest! Ja, das trifft es, Herausforderung und Bereicherung zugleich, vermutlich geht das eine nicht ohne das andere 😉 Ich hoffe jedenfalls, dass es unsere Wurzeln kräftig und unsere Herzen leicht macht 🙂 Liebe Grüße! Kea

  • Reply Polly November 19, 2015 at 4:02 pm

    PS: Hortensien sind meine Lieblingsstauden….

  • Reply Annanikabu November 19, 2015 at 4:33 pm

    Was für ein schöner Text, liebe Kea.
    Ich kann dich so gut verstehen! Auch wenn ich nicht pendle, mir geht es imme rs in Berlin. Für mich ist hier alles hektisch und schnell und keiner hat mal Zeit und wenn ich zurück in die Heimat fahre, da kann ich entspannen und runterkommen. Für mich ist das jedes Mal Urlaub und ich sauge es in mir auf! Aus dem Grund werde ich auch hoffentlich ganz bald Berlin den Rücken zukehren, denn es tut mir nicht mehr gut und ich möchte mich nicht mehr stressen, sondern ankommen und mich heimisch fühlen!

    Liebe Grüße
    Anna

    • kea
      Reply kea November 19, 2015 at 5:19 pm

      Vielen lieben Dank, Anna! Ich fände es zwar sehr sehr Schade, wenn Berlin doch komplett verliert, aber ich finde es super, dass du da so gut auf deine innere Stimme hörst: Wenn einem etwas nicht gut tut, dann sollte man definitiv die Weichen stellen für eine Veränderung. In Berlin Zeit für Ruhe und Achtsamkeit zu finden, ist wirklich eine Herausforderung – Fluch und Segen zugleich. Wenn ich es immer hätte, wäre ich vermutlich auch irgendwann reizüberflutet! Halt mich über deine Pläne gerne auf dem Laufenden 🙂 Liebe Grüße! Kea

  • Reply Anne November 20, 2015 at 7:58 am

    So schön und ehrlich formuliert, Kea.
    Grüße aus B nach WI von Anne

    • kea
      Reply kea November 20, 2015 at 4:59 pm

      Vielen Dank, liebe Anne! Wir hatten es ja schon bei dem letzten HAUPTSTADT-MÄDCHEN-Treffen von den Vor- und Nachteilen des „Doppellebens“ – liebe Grüße zurück in meine große Stadt! 🙂

  • Reply Theo November 20, 2015 at 9:56 am

    Hallo Kea,
    ich bin ja in einer bisschen anderen Situation, ich pendle nicht. Sondern wir leben und arbeten in Göteborg und haben aber unsere Heimat und unser Häuschen weiterhin im wunderschönsten Ostholstein. Allerdings ist unser Zeit da natürlich auf Urlaub oder lange Wochenenden beschränkt und es reißt mir jedes Mal das Herz raus, wieder zu fahren und gleichzeitig freue ich mich auf unser sorgloses Leben in Göteborg. Nichts zu renovieren oder große Vorhaben, weil wir mieten, niemanden noch schnell treffen müssen, weil man ja bald wieder weg ist, sondern wirklich nur die schönen Seiten des Lebens genießen. Und trotzdem hat es einen Preis, nicht auf Geburtstagen dabei sein, keine regelmäßigen lunchtreffen mit der besten Freundin und irgendwie auch in keinem der beiden Leben ganz richtig anzukommen, weil ein Dabeisein in einem Leben ein Nichtdabeisein im anderen Leben ist und zumindestens mir fällt es schwer, so ganz enge Freundschaften aufrechtzuerhalten oder neue enge Freundschaften zu schließen. Wer weiß, wo es uns in 2 Jahren hinweht?
    Aber ganz generell , bin ich auch so ein Veränderungsmuffel, selbst wenn ich mich monatelang auf eine Reise freue, am Abend vorher will ich dann doch lieber zu Hause bleiben und breche spontan in Tränen aus. Ich bin deshalb so dankbar, dass das Leben mich in so viele Situationen geschubst hat, in denen ich fliegen musste, die ich sonst aus eigenem Antrieb vermutlich nicht gemacht hätte und dann doch so daran gewachsen bin, nur meine Wurzeln sind dabei ein bisschen verloren gegangen.
    Liebe Grüße aus Göteborg, Theo

    • kea
      Reply kea November 20, 2015 at 5:03 pm

      Hallo liebe Theo! Ja, du kannst sicher gut nachfühlen, wie es sich anfühlt, so zwiegespalten zu sein zwischen zwei Orten, die man Zuhause nennt. „weil ein Dabeisein in einem Leben ein Nichtdabeisein im anderen Leben ist“ – das hast du perfekt in Worte gefasst! Ich verpasse auch so oft Geburtstage, Veranstaltungen, Ereignisse. Das hat das Leben mit mehr als einem festen Zuhause wohl leider an sich. Es wärmt mir das Herz, dass bei dir dann am Abreisevorabend auch mal Krokodilstränchen kullern, darin bin ich zugegebener Maßen dann auch ganz gut 😉 Ich wünsche uns, dass wir weiter daran wachsen können und unsere Wurzeln vielleicht irgendwann einfach in uns selbst sind – ganz egal, an welchem Ort wir uns gerade befinden! Liebe Grüße nach Göteborg! Kea

  • Reply Ruhrstyle November 23, 2015 at 8:16 am

    Ich bin zwar nicht in dieser Situation, aber dein Post hat mich dennoch sehr berührt. Einfach weil er so wundervoll geschrieben ist.

    viele liebe Grüße
    Rebecca

    • kea
      Reply kea November 23, 2015 at 8:28 am

      Liebe Rebecca, vielen vielen Dank für deine lieben Worte! Komplimente zu meiner Schreibe freuen mich immer ganz ganz besonders! Komm gut in die neue Woche 🙂 Herzliche Grüße! Kea

  • Reply Von Bäumen und Wurzeln - hello mrs eve – Lyrik & Text Blog Februar 17, 2017 at 6:11 am

    […] finde ich darin mein eigenes Gefühl von schwankender Erde und Wurzellosigkeit. Zwei Jahre war Berlin mein Teilzeit-Zuhause, hat Menschen, Gedanken und Gefühle in mein Leben gespült. Sie fehlt mir wahnsinnig. Beim […]

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