Semesterbeginn an der Uni Frankfurt – erste Eindrücke meines zweiten Studiums

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Zugegeben – ich hatte ein wenig Angst. Kurz vorm Semesterstart in mein Zweitstudium an der Uni Frankfurt saß mir die Befürchtung im Nacken, mein zweiter Bildungsfrühling könne sich ähnlich anfühlen, wie der Beginn meines Grafikstudiums vor, nun schon sage und schreibe, zehn Jahren. Noch lebhaft ist mir jener Abend aus dem Herbst 2006 in Erinnerung, an dem ich von der FH nach Hause kam und mich schluchzend in die Arme meines damaligen Freundes warf, weil ich ganz genau wusste, dass ich an dieser Hochschule nicht finden würde, wonach es mich dürstete: Geistfutter und Gleichgesinnte. Ich bereue das Studium trotzdem nicht, hat es mir doch die komfortable Ausgangslage verschafft, nun ohne finanziellen Druck und Existenzängste neben meiner Selbstständigkeit als Grafikerin die Fächer studieren zu können, die mir wirklich entsprechen.

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Aber meine Sorge, auch die Uni in Frankfurt würde sich anfühlen, wie ein kneifendes Paar Schuhe, in das ich einfach nicht passen will, erweist sich glücklicher Weise als unbegründet. Bereits die Willkommensveranstaltung im bis auf die letzte Bank gefüllten Hörsaal Mitte Oktober sät in mir die Hoffnung, dass dieser zweite Anlauf an einer Hochschule sich zum echten Volltreffer mausert! (* Hier könnt ihr noch mal nachlesen, warum ich mich überhaupt für ein zweites Studium entschieden habe und zwar genau an dieser Uni und nicht in meiner Herzensheimat Berlin.)

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Grund für meinen aufkeimenden Enthusiasmus ist die Rede eines Asta-Vertreters – oder vielmehr die Reaktion darauf. Denn da fegt uns ein Aufruf zu Feminismus, Anti-Anti-Semitismus und gegen Rassismus um die Ohren, dass es nur so kracht. Gepaart mit dem dringenden Appell, eben nicht schnurstracks nach Bachelor-Studienordnung bis zur Abschlussprüfung durchzupreschen, sondern das Studium als Zeit zu begreifen, in der wir die Grundlagen für unsere Geistesbildung legen, in der wir das Glück haben, lernen zu dürfen und uns selbst das Recht einräumen, nach Interessen zu studieren und nicht nach bestmöglicher Kompatibilität am Arbeitsmarkt. Und es ist die Reaktion der anwesenden Studierenden, die mir ein breites Lächeln ins Gesicht zaubert. Sie klatschen. Sie lassen einen langsam aufbrausenden Applaus hören, der anschwillt, an Kraft gewinnt und schließlich den ganzen Hörsaal mit zustimmenden Rufen und Enthusiasmus füllt. Akustisches Zeugnis davon, dass es eben doch nicht aller Jugend nur darum geht, möglichst schnell in einer möglichst aussichtsreichen Position zu landen, in der sie den Rest unseres Lebens unseren Hamsterradlauf durchziehen, um sich einen Status quo leisten zu können, der vielleicht andere beeindruckt, sie selbst aber ausbrennt und mit einem Gefühl der Leere zurücklässt. Sondern dass Ideale wie geistige Freiheit, Intellekt und ja, sogar, Lebensfreude, Gewicht haben.

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Während der Campus im Herbstkleid jeden Tag farbgewaltiger vor sich hin leuchtet und die tiefstehende Oktobersonne an den Nachmittagen zu einem Gespräch auf den weiten Rasenflächen lockt, tingele ich weiter von Einführungsveranstaltung zu Einführungsveranstaltung. Auch in der Philosophie ermuntert uns ein Dozent zu viel Bewegung an der frischen Luft, denn es sei sinnvoller, hin und wieder eine Runde über den Campus zu spazieren, oder durch den nahegelegenen Grüneburgpark, um das Gelernte im Kopf flanieren zu lassen, als sich den Stundenplan bis zur Oberkante vollzuknallen. Hach, was tut mir das gut – denn die Werberschmiede rund ums Thema Grafikdesign habe ich als sehr zielorientiert erlebt. Um es mal dezent auszudrücken.

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In der Fragerunde, in der wir unsere Motivation fürs Philosophiestudium darlegen sollen, wird dann aber doch an manchen Stellen der Zweifel laut, ob sich aus diesem Fach wirklich ein zukünftiger Broterwerb ableiten lasse. Oder ob hier doch nur der Nachwuchs der Frankfurter Taxiunternehmen in den Startlöchern sitzt. Die Meinungen dazu gehen auseinander, verschiedene Berufsmöglichkeiten werden diskutiert, die Stimmung liegt irgendwo zwischen Zweifeln und Zuversicht – da meldet sich eine Kommilitonin mit der Überlegung zu Wort, ob  der Mensch überhaupt einen Broterwerb brauche. Ich schmunzele in mich hinein. Auch wenn man über die Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens streiten kann – ich liebe es, dass hier Menschen sitzen, die nicht nur Fragen diskutieren. Sondern die sich die Freiheit nehmen, erst einmal die Frage an sich in Frage zu stellen. Ein bißchen „ich bin jung und daher erstmal dagegen“ ist bestimmt auch oft dabei – aber niemand ist mit dieser Haltung und den vor Aufregung roten Wangen hinreißender, als junge Menschen.  Wut (nicht Gewalt!) ist ein Privileg der Jugend und sie steht ihr gut zu Gesicht – glattgeschliffen werden wir alle schon früh genug.

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Die Literatur hingegen scheint mir zunächst das zahmere Fach von beiden zu sein, hier sitzen nicht die jungen Wilden, sondern eher pferdeschwanzbezopfte Mädchen, die in ihren Jugendzimmern Bücher verschlungen haben, wie andere Schokolade. Es scheint, als brauche es noch einen zündenden Funken, der mich ebenso begeistert wie für die Philosophie und ihre Gedankenakrobatik – und ich bekomme ihn. In Form der Ringvorlesung* zum Thema „Kritik der Geschichte Romane der Gegenwart“.  (*Eine Ringvorlesung ist eine Vorlesungsreihe, der der Dozenten aus verschiedenen Fachbereichen zu einem bestimmten Thema referieren). Sie treibt mich an einem schon früh dunklen Mittwochabend ins Seminarhaus. Ein anderthalbstündige Vortrag über ein Buch, das ich nie gelesen habe von einem Autor den ich, Schande auf mein Haupt, nicht einmal kannte – klingt nicht so, als ob es mich vor Begeisterung vom Stuhl haut. Und tut es dann aber doch.
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Der Vortrag des Professors packt mich, er weckt Interesse für Buch und Verfasser (Infinite Jest von David Foster Wallace) und surft nebenbei so gekonnt über Teilgebiete anderer wissenschaftlicher Disziplinen, das mir ganz schwindelig wird. Es geht um das erschöpfe Selbst, um den Roman als Kritik der Leistungsgesellschaft, um Depressionen und Drogenkonsum, um Funktionieren-Sollen und den freien Willen, kurzum: Es geht um Menschliches. Literatur ist im Grunde, so wird mir immer klarer, ein großartiges Fach. Weil der Gegenstand der Betrachtung sich eben mit allem befasst, dass das Menschsein seit jeher ausmacht. Geschichte, Soziologie, Psychologie, Philosophie – sind sind allesamt Schwestern der Literatur und ohne sie ist kein einziges Buch zu denken. Wer die Welt durchdringen will, ist mit diesem Fach gut beraten, denn es garantiert mindestens Stippvisiten auf vielen Kontinenten der Wissenschaft. Alle Gedanken, die ich mir seit Jahren mache – hier finden sie Halt, hier werden meinem umhertreibendem Geist Anker angeboten, nach denen ich dankbar greife.

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Am Ende der Ringvorlesung feiert in meinem Notizbuch eine Menge Fremdwörter eine ziemlich abgefahrene Party. Die Wortmeldungen meiner MithörerInnen muss ich teilweise googeln, aber ich verstehe doch in den meisten Fällen, was gemeint ist. Auch, dass die Sprache der Wissenschaft keinesfalls eine l’art pour l’art ist, ein Sprachcode für abgehobene Spinner im Elfenbeinturm, sondern dass sie verdichtet, in Bezug setzt und konkretisiert. Und, ich kann es nicht anders sagen: Ich brenne darauf, sie zu lernen!

Einziger Wermutstropfen meines abendlichen Inspirations-Feuerwerks: Von den zehn Werken, die in der Ringvorlesung Thema sein werden, sind genau zehn von Männern geschrieben. Auf interessierte Nachfrage begründet das der organisierende Professor damit, dass die Kollegen aus den anderen Fachbereichen ihre Themen selbst gewählt haben. Gut, es steckt kein System oder böse Absicht dahinter, aber – macht es das besser?

Diesen mittelschweren Auffahrunfall meiner feministischen Ambitionen auf das akademische System kann das Kolloqium der feministischen Philosophinnen abfedern. Eine Gruppe kluger Frauen, die ich an einem Dienstagabend in einem gut versteckten Raum im Gebäude der Gesellschaftswissenschaften treffe. Die Gänge und Flure der Universität leeren sich langsam, der Winter macht mit einer frühen Dämmerung ernst und wir sitzen beisammen, lernen uns kennen und besprechen, welche Texte wir in den kommenden Monaten gemeinsam lesen und diskutieren wollen. Beschwingt verfasse ich nach der Zusammenkunft auf einem meiner langen Heimwege nach Wiesbaden diese Zeilen:gedichte blog

Ich weiß, ich kann meine Begeisterung kaum verhehlen und ich will es auch gar nicht: Mein Zweitstudium fängt genau so an, wie ich es mir gewünscht habe. Zwar überkommt mich zwischen all den Abiturientinnen manchmal auch eine Mischung aus Dinosauriergefühl und Bemutterungsinstinkt, aber die letzten vier Jahre im Beruf machen es mir eben auch möglich, den Pool aus wissenden und wissbegierigen Menschen um mich herum wirklich wertzuschätzen und zu genießen.

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Noch im letzten Herbst hätte ich niemals gedacht, dass ich irgendwann noch einmal in einem Hörsaal sitzen würde, aber jetzt, wo es passiert, erscheint es mir wie das Natürlichste der Welt. Wovon immer ihr träumt: Packt es an! Es lohnt sich! Die Kombination aus Literatur und Philosphie kann ich übrigens wärmstens empfehlen. Risiken und Nebenwirkungen sind überschaubar: Unkontrollierbares Wachstum des Bücherregals. Etwas Schöneres kann es für mich gar nicht geben.

6 Comments

  1. Flo | Tasteboykott says:

    Man kann deine Begeisterung aus jeder Silbe herauslesen! Ich beglückwünsche dich für deinen Mut, deine Entscheidung, dein Studium im allgemeinen und wünsche dir die größte Freude und viel Erfolg auf deinem Weg!
    Applaus nicht nur für diese großartige Einstellung zum Lernen und zum Studium, sondern auch Applaus für dich. Das Dilemma mit der finanziellen Seite hast du ja zum Glück ganz gut gelöst, ich habe für mich noch Zweifel – Taxifahrer hatte ich nie angestrebt zu werden.
    Dass ausschließlich Männer als Autoren gewählt wurden ist schade, aber leider ja nicht besonders verwunderlich. Vielleicht kannst du ja ein paar Denkanstöße geben und zu mehr Feminismus anregen.
    Ich schau auch gerade nach Unis, vielleicht lande ich ja in zwei Jahren in Frankfurt 😉
    Liebe Grüße!

    1. kea kea says:

      Hallo Flo, ach, das ist schön, dass man zwischen den Zeilen lesen kann, wie beflügelnd dieser neuer Abschnitt meines Lebens für mich ist! Danke für deine Glückwünsche, die mich wirklich freuen ♥ Vielleicht ist es wirklich so, dass man die Möglichkeit, Neues zu lernen mit zunehmendem Alter immer mehr schätzt? Weil sie einem dann nicht mehr so selbstverständlich oder sogar unliebsam vorkommt wie zu Schulzeiten? Ja, es stimmt, rückblickend war meine Reihenfolge eigentlich ein perfect match – dieses Modell sollte Schule machen, wenn die Existenz gesichert ist, studiert es sich wesentlich entspannter, gerade in den Geisteswissenschaften. Ich würde mich sehr freuen, wenn du an der Uni Frankfurt studieren würdest und wir in der Sonne gemütlich zwischen den Vorlesungen einen Tee trinken könnten 🙂 Dank des Teilzeitstudiums bin ich auch sicher noch eine Weile da – und überhaupt, ich will ja auch gar nicht weg 😀 Liebe Grüße und ganz viel Erfolg und Vorfreude für dich und deine Studienpläne! Ich bin sicher, du findest das, was dir Spaß macht und glaube mittlerweile sowieso so – Begeisterung ist die beste Zutat für eine erfolgreiche und sinnstiftende berufliche Tätigkeit 🙂 Liebe Grüße!

  2. Lisa says:

    Ach meine Liebe, da freu ich mich so sehr für dich! Das klingt alles traumhaft (auch deine Zeilen, die mich ein bisschen an Rilke erinnern) und ich freue mich jetzt noch mehr auf den Winter und die Zeit, die man am besten mit Büchern, Tee und Winterspaziergängen verbringt. Das Wachstum des Bücherregals klingt für mich nach einer der besten Nebenwirkungen überhaupt 😉 Liebe Grüße aus dem grauen Berlin, Lisa

    1. kea kea says:

      Hallo meine Liebe! Oh, welche Ehre, Rilke ist so ein wundervoller Dichter! Schön, dass ich deine Vorfreude auf lektürereiche Nachmittage auf dem Sofa noch verstärken konnte! Und natürlich schicke ich sehnsüchtige Grüße in meine liebste Hauptstadt! Aber jetzt weiß ich endlich, dass es sich gelohnt hat, Berlin (vorübergehend) aufzugeben, weil ich jetzt jeden Tag das genießen kann, wofür ich den Schritt gewagt habe! Dicke Umarmung, Kea

  3. Judith says:

    Hey, deine Begeisterung ist wirklich ansteckend (man möchte sich am liebsten sofort wieder einschreiben)! Bei mir war schon das erste Studium an der Uni Mainz ähnlich anregend, weil im Diplomstudiengang Erziehungswissenschaft damals auch Psychologie, Soziologie und ein bisschen Philosophie enthalten war. Rückblickend würde ich tatsächlich sagen, dass ich im Studium vor allem kritisches Denken gelernt habe. Deshalb habe ich mein Studium auch noch nicht bereut, obwohl ich danach nicht sehr lange als Sonderpädagogin gearbeitet habe.

    Außerdem: Deine Zeilen „Wissensdurst“ gefallen mir sehr.

    1. kea kea says:

      Liebe Judith, vielen Dank für deinen Kommentar! Schön, dass deine Erfahrungen mit deinem Studium ähnlich positiv waren! Deine Kombination klingt auch sehr spannend! Ja, das kritische Denken ist wahrscheinlich sogar das wertvollste Geschenk, das man aus dem Studium mitnehmen kann 🙂 Tausend Dank für das Lob zu meinem Gedicht, das bedeutet mir sehr viel! Liebe Grüße, Kea

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