Berliner Begegnungen Kurzgeschichte Texte & Essays

Schubladendenken

Dezember 14, 2015

Ich hatte zu wenig Schlaf letzte Nacht und in Berlin weht ein böhiger Wind. Kennst du diese Abende, an denen du fühlst, wie etwas Großes beginnt? Vielleicht fühlt sich dieser Anfang nicht einmal gut an, vielleicht ist dir bang, dein Herz jagt und dein Magen dreht sich um, aber du bist bereit, all das zu ignorieren und weiterzugehen.
So geht es mir auf dem Weg zu meinem ersten Writer Meetup. Seit meinem Entschluss, dem Lesen und Schreiben von Texten endlich wieder mehr Raum in meinem Leben zu geben, suche ich nach Möglichkeiten, meinen Erfahrungsschatz zu bereichern und mich mit Menschen zu umgeben, die sich ebenfalls der Welt der schönen Worte verschrieben haben. Und heute also diese Feuertaufe für mich. Ich traue mich hinaus, weg von meinem Schreibtisch in der stillen Kammer, hinein ins Nichtschwimmerbecken. Ich bin bereit für leidenschaftliche Diskussionen, ich will Futter für meinen Geist. Hochmotiviert mache ich bereits die U-Bahn zu meiner Bibliothek. An der Warschauer Straße steige ich in die U12, auf meinen Knien liegt Simone de Beauvoirs „ das andere Geschlecht“, wenn man so will, eine Bibel der Feministinnen. Auf fast jeder Seite habe ich Randbemerkungen eingefügt, Passagen angestrichen, ein Ausrufezeichen, zwei, hin und wieder sogar drei neben den Text gemalt. Ich schlage das Buch auf und beginne, mich in die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Mann und Frau zu vertiefen, als jemand mir gegenüber Platz nimmt, der meine Konzentration empfindlich stört. Sein Geruch erreicht mich als erstes. Unwillig hebe ich den Blick von meinem Buch hoch: Fettige Haare, schnapsgeschwängerter Atem, auch der letzte Besuch einer Waschmöglichkeit scheint schon eine Weile her zu sein. Ich glaube, Männer kennen dieses Gefühl nicht, weil sich die wenigsten Frauen mit weit geöffneten Schenkeln einem Mann gegenüber hinsetzen, aber Männer tun es mit einer angeborenen Selbstverständlichkeit, ganz egal, ob sie Anzug oder Jogginghosen tragen. Und wenn sie es zu dicht tun, wie in diesem Fall, fühle ich von den Zehenspitzen bis in die Haarwurzeln einen kalten Schauer von Abscheu. Es hat etwas von einem Primaten, mit welchem Stolz sie den Blick ihres Gegenübers auf ihr Gemächt lenken wollen. Simone de Beauvoir streift gerade die These von Freuds Penisneid, sehr passend.
Ich erwarte schon minütlich einen Spruch, ein kehliges Raunen, irgendein Versuch der Kontaktaufnahme. Um keinen Anlass zur Ermutigung zu geben, versenke ich mich noch tiefer in mein Buch. Erwäge kurz, den Platz zu wechseln, aber erstens fahre ich nur noch zwei Stationen und zweitens hat mich Simone gerade viel zu sehr an dieses Kapitel gefesselt. Mir ist danach, mindestens vier Ausrufezeichen an den Rand zu kritzeln und während ich stoisch weiter auf mein Buch starre und nicht auf den ausgebreiteten Schritt vor mir, wühle ich in meinen Manteltaschen nach einem Stift. Irgendwo hier muss doch… rechts ist keiner, aber links finde ich einen Kugelschreiber. Leider gibt das Schreibgerät beim zweiten Ausrufezeichen den Geist auf. Verärgert kritzele ich auf die weiße Rückseite des Einbands – aber es tut sich nichts, nicht ein Tropfen Tinte lässt sich ihm entlocken. In dem Moment ertönt die längst erwartete Stimme von gegenüber. Aber sie klingt nicht einmal halb so viel nach Alkohol, wie gedacht. Sie klingt erstaunlich nett.
-„Brauchste nen Stift?“ Ich blicke auf. Ich will nicht Ja sagen, aber verdammt, ich brauche wirklich händeringend irgendwas zum Schreiben! -„Mmmmhja“, kommt wiederwillig aus meinem Mund. Mit einem schiefen Lächeln und aufmunterndem Nicken hält mir mein Sitznachbar einen Kugelschreiber hin, diese billige Sorte, die kaum mehr wiegt als ein paar Gramm. Ich nehme das Schreibgerät aus seinen Fingern, fühle leichten Ekel, wenn ich an all die Bakterien und Körperflüssigkeiten denke, die vielleicht schon mit ihm in Berührung gekommen sind. Sorgfältig male ich meine vier Ausrufezeichen an den Rand und schreibe ein paar Notizen dazu. Dann gebe ich die Leihgabe an ihren rechtmäßigen Besitzer zurück, der sie mit einem freundlichen Lächeln wieder an sich nimmt und in seiner Jackentasche verschwinden lässt.
Ich bin beschämt. Denn er sagt weiter nichts, er schaut aus dem Fenster auf die Lichter der Stadt, er versucht nicht, ein Gespräch mit mir fortzuführen. Drei Absätze in meinem Buch weiter muss ich aussteigen und er wünscht mir höflich einen guten Abend. Ich erwidere freundlich seinen Gruß, eile die Treppen hinunter und denke bei mir: Schubladendenken ist eine furchtbare Sache.
Dieser Mann war mir ein verdammt guter Lehrer. Er mag in unserer Gesellschaft ein Stück weit verloren gegangen sein, aber sind wir ehrlich, wer ist das nicht von Zeit zu Zeit? Wir sind vielleicht nur besser darin, es zu maskieren. Er hat mit Sicherheit eine Menge Dinge erlebt, in einige Abgründe geblickt, die mir erspart bleiben, aber er war freundlich und hilfsbereit, während ich ihn mit all denen über einen Kamm hatte scheren wollen, die mir unangenehm nahe gekommen waren. Und wenn ich zehntausend betrunkene Männer in meinem Leben getroffen hätte, die mir mit anzüglichen Sprüchen, wirrem Gestammel oder Aggressivität begegnet wären – Ich kann trotzdem nichts wissen über diesen Zehntausendundeinen, der mir heute gegenüber sitzt. Nichts. Jeder Tag ist neu, jeder Mensch, jeder Moment. Und was wir brauchen, sind weniger Schubladen und Label. Wir lieben es, alles, was uns umgibt zu etikettieren, beruhend auf den Erfahrungswerten irgendeines Gestern. Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit: mit offenem Herzen durch die Welt zu gehen und ihr wirklich zu begegnen.

You Might Also Like

4 Comments

  • Reply Polly Dezember 14, 2015 at 7:27 pm

    Genau dafür liebe ich Dich. Es sind diese Gedanken, in denen ich Verbundenheit spüre.
    Liebe Grüße aus der Nähe,
    Polly

    • kea
      Reply kea Dezember 14, 2015 at 8:42 pm

      Aaaaaawwww Polly! Du Liebe, Du! Ich fühle mich auch sehr verbunden mit dir, vom ersten Wort an, das ich bei dir gelesen habe. Wie schön!!! Ganz liebe Grüße zurück! Kea

  • Reply Lydia Februar 23, 2016 at 6:44 pm

    „Dieser Mann war mir ein verdammt guter Lehrer.“ Schön gesagt.

    • kea
      Reply kea Februar 24, 2016 at 3:56 pm

      Vielen lieben Dank *knicks*

    Leave a Reply