Leichtes Herz.

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Vielleicht liegt es daran, dass morgen Valentinstag ist? Jedenfalls schaffen Berlin und ich es an diesem Samstag heraus aus unserer ersten, ernsthaften Krise. Die Spree ist blau vom Himmel, der sich selbstverliebt in ihrem Wasser spiegelt. Noch ist die Luft kalt, aber die Sonne hat das erste Mal seit langen Wochen wieder Kraft und ganz Berlin ist nach draußen geströmt, um die Wärme der Strahlen einzuatmen. Eigentlich wartete morgen die Interior Messe in Frankfurt auf mich. Nach zwei mörderischen Wochen mit entschieden zu vielen E-Mails, Telefonaten und Stunden vorm Computer habe ich aber die Notbremse gezogen. Abreisedatum verschoben, Messe gestrichen. All die schönen Vasen und Kerzenhalter wird es auch ohne mich geben. Ich hab jetzt frei!

Es zieht mich wie magnetisch zu den Gebäuden der Humboldt Universität nach Mitte. Hier lasse ich die Atmosphäre auf mich wirken, stelle mir vor, wie ich vielleicht in ein paar Monaten zu meiner ersten Vorlesung gehe, aufgeregt vor mich hin trippelnd, Schmetterlinge im Bauch, Wissensdurst im Kopf. Eine ganze Weile sitze ich auf den warmen Holzbänken und schaue auf die heiligen Hallen der Wissenschaft. Und auf einmal packt es mich! Ich spüre wieder, was es war, das mich vor wenigen Jahren so heillos verliebt in die Hauptstadt machte – es ist der Geist, der durch ihre Straßen weht. Ein Gefühl, als ob der Horizont hier ein kleines bißchen weiter ist, als anderswo. Und die Möglichkeiten? Grenzenlos! Berlin lädt meinen Kopf ein, groß zu träumen und kühn zu denken.

Denn es ist nicht nur die Stadt der Konsumenten, der ewig hirnlosen, trägen Masse, die sich durch die Shopping Malls ächzt, es ist nicht nur ein Mekka der feierwütigen Jugend, die ihren Kummer herunterspült und ihre Jugend verschläft, nicht nur Zielbahnhof der Generation Y, die glaubt, alle Türen stünden ihr offen, die sich aber nie für eine entscheiden kann. Nein, Berlin ist auch eine Stadt des Geistes! Eine Stadt der Durstigen, der Suchenden und der Nachdenker, sie ist Schmelztiegel für Ideen von klugen Köpfen. Ein bißchen weite Welt weht durch ihre Straßen, durch ihre Adern fließt Geschichte und ihr Puls schlägt im Takt der Politik.

Wie berauscht lasse ich mich weiter durch Mitte treiben, schlendere über den Antikmarkt am Bode Museum und blättere durch ein paar Kisten antiquarischer Bücher. Links und rechts von mir beugen sich Literaturfreunde konzentiert über die Tische und wir frieren uns in trauter, zufrieden schweigender Einigkeit beim Wühlen die Finger steif. Herrlich ist das! Mit einem um ein paar Seiten schwerer gewordenen Rucksack spaziere ich weiter, aber ich spüre es kaum, denn mein Herz ist so leicht! Auf der Brücke am Museum sitzt ein Akkordeonspieler und gottverdammt, ich bin Amelie in Frankreich und das Leben ist fabelhaft! Um mich herum das Gewusel der  Touristen mit Kamera und Currywurst, ihre Taubengefolgschaft im Schlepptau. Unter mir schillert der Fluss, an seinen Ufern all die Sonnenhungrigen, sie trinken, lachen, blinzeln dem endlosen Blau entgegen, ich habe das Gefühl, auch ihre Herzen sind heute schwerelos.

Allmählich beginne ich im aufkommenden Wind zu frösteln und es lockt mich am Dom kurzerhand in ein Café. Die Sonne scheint durchs Fenster und wärmt von außen das auf, was der Tee von innen noch nicht geschafft hat. Vor der Fensterscheibe strömt Lächeln an Lächeln vorbei, die ganze Welt hat heute einen Vanille-Filter. Erleichtert sinke ich zurück in den Schoß meiner urbanen Geliebten – Nein, wir sind noch nicht fertig miteinander, Berlin! Wir haben noch ein Stück Weg gemeinsam! Eigentlich wünsche ich mir jetzt nur eines: Flügel, groß genug, die ganze Stadt zu umarmen.

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Keas Berlin

12 Comments

  1. Carmen says:

    Oh wie schön, welch beflügelnde Worte! Und was bin ich froh, dass ich schon 2x in der Stadt war, die du hier so liebevoll beschreibst, dass man am liebsten sofort die Koffer packen (und hinziehen ;-)) möchte. Genau das ist es, was ich den Menschen immer vermitteln möchte, wenn ich davon erzähle wie Berlin auf mich gewirkt hat. Frei, denkend, extrem vielfältig. Ich kann nur sagen: Ich komme wieder – nach Berlin und auf deinen Blog, ich mag so, wie du schreibst!
    Herzliche Grüße aus dem Zug nach Mailand, bin beruflich auf dem Weg auf eine Modemesse und freu mich sehr darauf, aber auch schon aufs nächste Wochenende, ich versteh dich, gönn dir die Pause!
    Alles Gute,
    Carmen
    http://www.goodblog.at

    1. kea kea says:

      Guten Morgen liebe Carmen, ach wie schön, ich freu mich wirklich so sehr, dass du meine Texte gerne liest und meine wieder entdeckte Liebe zu Berlin durch die Zeilen schimmert 🙂 Berlin und mein Blog freuen sich jederzeit über deinen Besuch! Wow, Mailand, dann wünsche ich dir eine tolle Zeit in Italien und ich hoffe, du hast neben der Arbeit auch Zeit, das dolce vita zu genießen 🙂 Und dein wohlverdientes Wochenende danach, manchmal müssen solche freien Tage einfach absolut sein, um die Seele baumeln zu lassen! Liebe Grüße zu dir! Kea

  2. septembermädchen says:

    Liebe Kea,

    es ist wieder ein Fest deine Worte zu lesen.
    Die Sinnkrise in Bezug auf B hat mich auch erwischt.Der Umzug naht und dann kommen die Zweifel.Hält Berlin was es verspricht,wird es inspirierend und selbstverwirklichend,wird es die ebenso geliebte neue Heimat meiner Kinder oder ist alles nur eine Hirngespinst und das Leben hier im Dörfchen passt doch mehr zu mir als die Hektik der Metropole?
    So schwanke ich tagtäglich und hoffe auf die Eingebung…aber wohl wird es die nicht geben.Man muss wagen um zu gewinnen.
    Du hast es geschafft und ein Streit gehört in die beste Beziehung sonst wird es noch nix.
    Heute bin auch ich von Ferne versöhnt mit der Lieblingsstadt.Gleich Berliner Freunde angerufen und mich anicken lassen…ich freu mich auf die Zeit die kommt.
    Genieße deinen Tee und lass dich wärmen von der Liebe dee Stadt.

    Bia ganz bald,mitten drinne
    Julia

    1. kea kea says:

      Liebe Julia, vielen Dank für deine lieben Worte!! Ich kann gut verstehen, dass dir so kurz vorm Umzug die Düse geht – aber weißt du was? Vielleicht ist einfach beides für dich richtig – sowohl das Stadtleben, als auch das beschauliche Leben im Dörfchen. Und vielleicht hat einfach alles seine Zeit 🙂 Und jetzt kommt dieser neue Abschnitt im pulsierenden Berlin und ich freue mich darauf, es gemeinsam mit dir immer wieder zu entdecken! Denn egal, wie laut, grau und trostlos es sein kann, wenn man genau hinsieht, dann stecken Lebendigkeit und Faszination doch in jeder Pore 🙂 Auf bald, hier, mitten im Trubel! Liebste Grüße!

  3. Theresa says:

    „… die ganze Welt hat heute einen Vanille-Filter.“ Hach, wie herrlich, dieser Satz wird noch lange in mir nachklingen. Es ist so schön, deine beflügelnden Worte zu lesen und dein Leuchten in den Augen zu sehen! Möge dich der gestrige Zauber auch heute durch den eher grauen Tag tragen und dir einen wunderschönen, gemütlichen Sonntag bescheren! Liebste Grüße zu dir! <3

    1. kea kea says:

      Ich freu mich von Herzen, dass dir dieser Satz ein kleines Pralinchen war 🙂 Und ja, absolut, die Sonne im Herzen hab ich mir von gestern noch rübergerettet und genieße den Valentinstag mit meiner großen Stadt 🙂 Genieß deinen Wochenendausklang und auf hoffentlich bald wieder! Fühl dich gedrückt!

  4. Nadine – breukesselchen says:

    „Liebe Kea, hier spricht deine Zweitwahlheimat Berlin: DANKE! Ich habe dir ja nicht zuviel versprochen und gesagt, du wirst mich wieder lieben! Da bin ich aber wieder froh und grinse mir einen Ast, dass wir unsere Krise so schnell überwinden konnten. Wie gesagt, ich mag es nicht, wenn du mich für eine längere Zeit verlässt, aber nun sehe ich auch, dass lag ja gar nicht an mir. Es ist dein Alltagsstress. Ich bin gar nicht schuld. Du hast zuviel Dinge auf einmal zu tun, dass du eine Auszeit brauchtest. Und dir fehlte eine Orientierung, die dich unglücklich gemacht hat. Okay, falls sowas nochmal vorkommt, gönne ich dir ein wenig Auszeit auf dem Lande, nahe des Waldes. Oder wie dieses Wochenende bei mir in den Cafès und in den Bücherwurmlädchen, die du so liebst! Ich weiss, du kannst nicht ohne sie leben und mit all meiner geistreichen Aura. Und schliesslich findest du da auch deinen Ort der Stille, der Ruhe, die dich vom Alltagswahnsinn entfliehen läßt. Schön, dich wieder in meinen Armen zu spüren und dein Lachen und Strahlen zu sehen. Ich habe es am Wochenende genossen und werde versprechen, dir möglichst wenig Miese-Peter-ich-bin-beleidigt-Tage zu geben. Aber auch ich, als deine Zweitwahlheimat habe Gefühle. Und jetzt sind es wieder glückliche! Ich strahle! Alles Liebe, Dein Berlin.“

    1. kea kea says:

      Thihi, liebe Nadine, da bin ich ja froh, dass mir meine Hauptstadt ebenso schnell verziehen hat und mich wieder so lieb in ihre Arme nimmt! Ich glaube, das war wirklich ein kurzes, aber reinigendes Gewitter, wie es eben in jeder guten Beziehung ab und zu mal vorkommt 😀 Schade, dass wir uns wegen meiner spontanen Auszeit nicht auf der Messe gesehen haben, aber das holen wir bestimmt bald nach!! Fühl dich gedrückt!

  5. Denise says:

    Liebe Kea, wundervoll geschrieben & toll, dass du deine Liebe zu Berlin wiedergefunden hast. <3 Auf das die Liebe beständig bleibt und du eine wunderschöne Zeit in Berlin hast. Liebe Grüße, Denise

    1. kea kea says:

      Vielen lieben Dank, Denise! Ich freu mich sehr, dass dir der Text so gut gefällt 🙂 Liebe Grüße & bis hoffentlich bald bei den HAUPTSTADT-MÄDCHEN 🙂

  6. Lydia says:

    Na, denn is ja jut. 😉

  7. Hier ist die Mailbox von Berlin – sprechen Sie nach dem Signalton. – hello mrs eve – poetry & furniture says:

    […] ist ja nix immer nur Eitel Sonnenschein. Aber im großen und ganzen, da wars doch ein echter Glücksgriff, Du und ich. Zwei Jahre haben wir uns geliebt, gestritten, versöhnt und wieder geliebt. Aber das Leben kam […]

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