Essay Gesellschaft

Gegen den Hass – Eine Buchreview

November 27, 2016
Gegen den Hass

Gegen den HassMan könnte Carolin Emcke vorwerfen, dass sie ein Buch geschrieben hat, dass nur diejenigen erreichen wird, deren Türen für ihre Argumente bereits weit offen stehen. Dass alle, die den Hass schon in Herz und Sprache tragen, von ihrem Essay unberührt bleiben. Aber das wäre zu kurz gegriffen.

Denn es genügt ein Blick auf die großen Nachrichtenportale, in die Kommentare unter Videos und Artikel, unter Facebook-Posts und Twitter-Meldungen, um zu erkennen, dass teilweise tendenziöses, teilweise ganz offen rechtsgerichtetes Gedankengut scheinbar wieder salonfähig geworden ist. Allzu oft bleibt es unwidersprochen und wenn wir ihm im Netz begegnen, spüren wir Beklemmungen in der Magengegend und das diffuse Gefühl, man müsste doch etwas dazu sagen.

Gegen den Hass

Angesichts dieser Lage ist es eine Tatsache: Wir, die eine humanistische Gesellschaft verteidigen wollen, haben eine ordentliche Portion Rückenwind nötig. Und Carolin Emcke liefert sie uns.

In ihrem Essay untersucht sie erlernte Ängste auf ihre historische Faktizität hin, sie zerpflückt das schwache Rückgrat rassenideologischer Vorstellungen und entlarvt die gelobte „ursprüngliche Nation“ als „wirkungsmächtige, aber phantasievolle Konstruktion.“ Emcke belässt es aber nicht bei der reinen Kritik, sie gibt ihren LeserInnen nicht nur Argumente an die Hand, sondern gleichzeitig eine Handlungsempfehlung.

Zentrale Aussage des Buches ist die Aufforderung zur Differenzierung: Nicht der Mensch gehört kritisiert, sondern seine Handlungen. Nur diese Sichtweise ermöglicht es, im Dialog zu bleiben und nur diese Perspektive erlaubt den Menschen, sich weiterzuentwickeln.

Gegen den Hass

Carolin Emcke lässt sich keinen Maulkorb verpassen – sie nennt die Dinge beim Namen: Rassistische Äußerungen müssen klar und deutlich als solche benannt werden, genau, wie Emcke keinen Grund sieht, „nicht über Straftaten zu berichten, die von Migranten begangen werden“. Aber – und das betont sie nachdrücklich – es geht um die Art der Berichterstattung: diese müsse immer auch die sozialen, ökonomischen und ideologischen Strukturen untersuchen, die diese Taten zur Folge haben.

Gegen den Hass

Das Buch beschränkt sich in den untersuchten Fallbeispielen nicht auf rechtsgerichteten Fremdenhass, wie bei den Ausschreitungen gegen Flüchtlinge in Clausnitz, es bezieht sich genauso auf die kollektiven Verurteilungen andersdenkender, andersfühlender oder andersaussehender Menschen, verargumentiert mit Beispielen der Diskriminierung Schwarzer in den USA und der Ablehnung von Trans- und Homosexuellen. Der Angst vor der Vielfalt stellt Emcke das Kapitel „Lob des Unreinen“ gegenüber, eine leidenschaftliche Hommage an eine pluralistische, liberale Gesellschaft, deren soziale Bindungskraft eben „nicht geringer ist als die in einer geschlossenen, monokulturellen Provinz.“

Und sie steckt unmissverständlich den Finger in die Wunde all derer, die bisher geschwiegen haben, die sich durch ihre unterlassene zivilgesellschaftliche Hilfeleistung zu Mittäterinnen machen. „Sie hassen nicht selbst. Sie lassen hassen. Sie sind vielleicht nur gleichgültig, nur bequem. Sie mögen sich nicht einmischen oder engagieren.“, schreibt Emcke.

Gegen den Hass

Dieser appellierende Charakter, gepaart mit der Aufforderung zu einer differenzierenden Reaktion ist es, der „Gegen den Hass“ zu einem Buch macht, das so viele Menschen, wie irgend möglich erreichen sollte.

Damit wir uns zukünftig gerüstet fühlen, wenn wir in der digitalen oder realen Welt auf rechte Meinungsmache stoßen, der wir dann nicht mit ohnmächtiger Häme und hilfloser Verachtung begegnen können, sondern mit Argumenten und Entschiedenheit.

Gegen den Hass

„Dass der öffentliche Diskurs jemals wieder so verrohen könnte, dass so entgrenzt gegen Menschen gehetzt werden könnte, das war für mich unvorstellbar.“ C. Emcke, Gegen den Hass

Für mich, ehrlich gesagt, auch. Aber was passiert hier? Warum gibt es einige, die so laut sind und viele, die so stumm scheinen?

Hierzu möchte ich eine Reaktion zitieren, die mich nach meinem ersten Artikel zum Thema Politik erreicht hat. Sie steht exemplarisch für eine Handvoll Gespräche, die ich nach dem Erscheinen meines Blogposts mit anderen Bloggerinnen führte:

„Ich würde so gerne mal etwas dazu schreiben, aber ich traue mich schlicht und ergreifend nicht. Weil ich Angst habe, dass Gegenargumente kommen, auf die ich nicht eingehen kann. Weil Wissen fehlt, weil Rückgrat fehlt.“

Ich kann diese Angst verstehen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es an der Zeit ist, sie abzulegen. Zwei österreichische Bloggerinnen, die eigentlich über Lifestyle-Themen schreiben und auf ihren Blogs zur US Wahl Stellung bezogen, wurden teilweise in ihren Kommentaren heftig kritisiert. Eine Lage, die man aushalten können muss. Das ist etwas anderes, als die Präsentation der neuen limited edition aus dem Drogeriemarkt. Man macht sich angreifbar. Und mir als sensiblem Menschen haben persönlich verletzende Äußerungen über mich in den sozialen Netzwerken auch schon die Tränen in die Augen getrieben. Aber das ist okay. Wir Frauen wurden nicht dazu erzogen, unsere Nase in den Wind zu halten. Es tut weh, wenn man die Flauschzone verlässt, es tut sogar verdammt weh. Denn egal, wie sachlich ich mich äußere, wie sehr ich um eine friedliche Welt bemüht bin – nur weil ich selbst nicht verachte, sondern mich um Argumente bemühe, heißt das nicht, dass ich damit niemanden störe. Nur weil ich mich für eine offene Gesellschaft stark mache, bedeutet das nicht, dass mir nicht postwendend jemand verbal vor die Tür kackt. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass das es manchmal stinken wird, wenn wir Stellung beziehen. Trotzdem ist es unentbehrlich, dass wir es tun.Gegen den Hass

 

„ Es würde schon helfen, wenn denjenigen, die dem Hass zustimmen und applaudieren die Selbstgewissheit genommen würde. (..) Wenn nicht mehr die, die sich leise und friedlich engagieren, sich rechtfertigen müssen, sondern jene, die verachten.“ C. Emcke, Gegen den Hass, Hervorhebungen von mir

Genau darum geht es.  Als ich als Teenager begriff, was in den dreißiger Jahren in Deutschland passiert war, da erschien mir das wie finsterstes Mittelalter. Völlig unmöglich, dass sich etwas derartiges wiederholen könnte. Undenkbar.

Jetzt habe ich Angst. Denn ich spüre, das sich etwas verändert hat. Etwas, das vor zehn, noch vor fünf Jahren undenkbar war, ist wieder denkbar: Der Rassismus ist in unserer Gesellschaft angekommen, als hätten wir nichts aus der Geschichte gelernt.

Und wieder schweigt die große Masse. Sie schweigt und ich laste es ihr an. Es mag in der Vergangenheit gereicht haben, nicht zu widersprechen und alle vier Jahre wählen zu gehen. Diese Zeiten sind vorbei. Wir dürfen denen, die gegen eine offene und freie Gesellschaft schreiben und reden, nicht die Bühnen der digitalen und analogen Welt überlassen. Wir dürfen uns nicht zurück ziehen. Denn in einem Land, in dem wir Meinungsfreiheit genießen, soll, ja muss, alles gesagt werden dürfen – unfehlbar ist es deswegen noch lange nicht. Es muss sich, genau wie alle anderen Perspektiven, der kritischen Untersuchung stellen.

Auch Emcke will ein Ende jenes Diskurses, „in dem jede gefühlte Verwirrung, jede innere Schäbigkeit, jeder verschwörungstheoretische Irrglaube als unantastbar, als authentisch und wertvoll gilt und sich damit dem Zugriff von kritischer Reflexion und auch der Empathie entziehen will.“

Gegen den Hass

Diese Reflexion brauchen wir, dieser Dialog ist nötig und dazu braucht es zwei Seiten. Wir müssen gegen das aufstehen, was da derzeit so braun durch unsere Reihen sickert. Denn Hass, so schreibt Emcke, ist „nicht einfach da. Er wird gemacht.“ Einige werden wir mit Argumenten nicht mehr erreichen, da mache ich mir keine Illusionen. Sie haben sich soweit in ihre Verschwörungstheorien verirrt, dass sie hinter jeder Gegenrede, ja selbst hinter jeder Statistik nur Manipulation und Täuschung wähnen. Ich will sichtbar machen, dass ich ihnen nicht zustimme. Ich habe das Wahlprogramm der AfD gelesen und es gruselt mich. In einem Land, das von diesen Vorstellungen geprägt wird, möchte ich nicht leben.

Ich will all jene erreichen, die zweifeln, all jene, die noch auf dem Weg sind, die unentschlossen sind. Ihnen will ich die Kunst der Differenzierung ans Herz legen, ihre Augen öffnen dafür, dass wir alle, genetisch betrachtet, nur eines sind: Menschen.

„ Vielleicht ist der wichtigste Gestus gegen den Hass: sich nicht vereinzeln zu lassen. Sich nicht in die Stille, ins Private, ins Geschützte des eigenen Refugiums oder Milieus drängen zu lassen.“ C. Emcke, Gegen den Hass, 

Jetzt müssen wir das tun. Denn wir können uns nicht damit entschuldigen, später zu sagen, wir hätten nichts bemerkt.

Gegen den Hass

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9 Comments

  • Reply Minza will Sommer November 27, 2016 at 11:27 am

    Danke Kea, für Deine Worte zum Buch, Deine Gedanken + die feinen Bilder! Ich hänge an den Lippen von Frau Emcke, freute mich unheimlich über die Auszeichnung, gerade jetzt, und bin sehr gespannt auf das Buch, gerade jetzt.

    Liebe Grüße . Maren

    • kea
      Reply kea November 27, 2016 at 11:37 am

      Liebe Maren, es freut mich ganz besonders, dass Buch, Preis (für alle, die es nicht wissen, Carolin Emcke hat für dieses Buch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gewonnen), Bilder und Blogpost bei dir so ins Schwarze treffen. Liebe Grüße zu dir! Kea

  • Reply Rebecca November 27, 2016 at 10:29 pm

    Ein Buch, das (jetzt erst recht) auch auf meiner Leseliste steht! Danke für die Rezension und den Appell, das Schweigen abzulegen. Ich sehe es genauso: Es ist allerhöchste Zeit, den Mund zu öffnen und gegenzuhalten – gerade in einer Zeit, in der Hass, gegossen in Beleidigungen und diskriminierende Aussagen, fälschlicher- und fatalerweise mit dem Etikett „ehrliche Meinung“ deklariert wird und dann mit dem Ruf nach „Meinungsfreiheit“ auch noch unangreifbar gemacht werden soll. Hier ist leider eine schreckliche Schieflage entstanden. Ich bin gespannt aufs Buch!

    • kea
      Reply kea November 28, 2016 at 7:54 am

      Wie schön, ich freu mich, dass das Buch auf deiner Leseliste nun einen sicheren Platz hat – du hast es gut beschrieben, dieses Phänomen, das mich so sehr beunruhigt. Ehrlich ausgesprochene Fremdenfeindlichkeit ist nämlich immer noch: Fremdenfeindlichkeit und damit gruppenbezogene Ablehnung. Und ich bin wirklich schockiert darüber, wie oft mir dieser Tenor im Netz entgegenschlägt. Ich hoffe, dieser Beitrag macht vielleicht dem/der einen oder anderen Mut, Stellung zu beziehen und ein Gegengewicht gegen all die zu bilden, die im Netz beleidigend und diffamierend agieren. Liebe Grüße zu dir! Kea

  • Reply Michi November 28, 2016 at 8:55 am

    Liebe Kea,
    ich hatte mich schon auf Deine Rezension gefreut. Hier ist sie und sie war der letzte Anstoß, das Buch auf die „to-read-Liste“ zu setzen. Gerade die Weihnachtszeit und der Jahreswechsel sind eine Zeit, um sich Gedanken zu machen…Danke für Deine schönen Worte zum Buch!
    Ganz liebe Grüße,
    Michi

    • kea
      Reply kea November 28, 2016 at 9:00 am

      Guten Morgen liebe Michi, ach Mensch, ich freu mich gerade sehr und zwar über gleich zwei Dinge: Zum einen darüber, dass ich so wunderbare Leserinnen habe, die sich Gedanken machen über die Welt und bei denen „Gegen den Hass“ auch schon auf der Wunschliste stand. Und zum anderen darüber, dass mein Artikel euch motiviert, es nun wirklich in die Hand zu nehmen. Vielleicht hast du ja Lust, mir dann von deinen Eindrücken zu berichten? Liebe Grüße zurück! Kea

  • Reply Katharina Dezember 1, 2016 at 12:16 pm

    Hallo Kea,
    ich verfolge deinen blog schon seit längerem und meine Begeisterung für die Themen denen du dich widmest ist immer größer geworden. Zum einen interessiere ich mich für Einrichtung, denn um die Welt ein bisschen schöner zu machen, ist es doch am einfachsten daheim anzufangen. Zum anderen habe ich praktisch parallel zu dir die Liebe zu Worten und deren faszinierende Aneinanderreihung wiederentdeckt. In letzter Zeit beschäftige ich mich mehr mit der deutschen Vergangenheit und damit meiner Vergangenheit. Insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Strömungen finde ich es mutig und wichtig, dass du auch politischen Themen eine Stimme gibst. Hast du schon mehr Bücher von der Carolin Emcke gelesen? Letztes Wochenende hat sie einen Beitrag in der Süddeutschen zum Wahlausgang USA veröffentlicht und auch recht interessante Aspekte gebracht. Falls du oder ein anderer Leser Interesse an einem Interview zu Carolin Emcke und diesem Buch hat, ich höre gerne Podcasts und diesen habe ich dazu gefunden:
    http://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/sachbuch-carolin-emcke-gegen-den-hass100.html
    Gruß Katharina

    • kea
      Reply kea Dezember 3, 2016 at 3:19 pm

      Liebe Katharina, oh, wie schön, ich bedanke mich sehr herzlich bei dir! Da scheinen wir ja tatsächlich einige gedankliche Schnittmengen zu haben und ich freue mich, dass du dich auf meinem Blog so wohl fühlst 🙂 Danke dir auch für den Link zum Podcast, das finde ich besonders schön, wenn weitergedacht wird, weitergelesen und so ein Blogbeitrag eher ein Anfang-, als ein Endpunkt ist. Tatsächlich war es mein erstes Buch von Emcke, ich war dabei auch, wie es im Podcast beschrieben wird, beeindruckt von ihrem Feingefühl für Sprache – von Geflüchteten zu sprechen, statt von Flüchtlingen, von Transpersonen, statt Transsexuellen: Schon beim Lesen und vor sich hin sprechen spürt man den Unterschied, oder? Schön, dass du hier bist und mitliest und mitdenkst! Auf hoffentlich bald wieder, Liebe Grüße! Kea

  • Reply Ist die Blogosphäre wirklich so apolitisch? - hello mrs eve – Lyrik & Text Blog März 23, 2017 at 7:49 am

    […] weh? Die Welt braucht unser Engagement so dringend! Es reicht nicht, nur heimlich, still und leise gegen den Hass zu sein – wir müssen für die Liebe laut […]

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