Erzählung Texte & Essays

Die Füchsin

November 27, 2015

Es ist strahlender Herbsttag, als hätten sie ihn so bestellt. Viel zu mild für diese Jahreszeit. Treffpunkt ihrer ersten Verabredung ist eine S-Bahn-Station im Osten der Stadt. Wie selbstverständlich greift er bei der Begrüßung nach ihrer Hand und lässt sie auch danach nicht los. Es ist rotzfrech und gleichzeitig zärtlich und deshalb lässt sie ihn gewähren. -„Komm, wir finden uns einen schönen Ort“, sagt er und sie liebt, dass er „finden“ und nicht „suchen“ sagt. Hand in Hand überqueren sie eine vielbefahrene Kreuzung, dann schlucken die Bäume des Parks die Großstadtgeräusche. Rasch lassen sie die um diese Uhrzeit spärlich besuchte Spree-Promenade hinter sich und gelangen tiefer in den Park, der nur aus Laub zu bestehen scheint, endlosen Straßen und Wegen aus Laub. Ihre Finger streicheln einander und sie fragt sich, wo diese Zärtlichkeit herkommt, zwischen zwei Fremden, die sich nicht einmal vierundzwanzig Stunden vorher begegnet sind, aber sie fühlt sich so gut an, so vorsichtig, so liebevoll.

Die Sonne steht tief über den Wegen. Wenn sie schweigen, rascheln die Blätter als Begleitmusik unter ihren Füßen, die im Gleichschritt laufen, ihre Hüften berühren sich. Die goldenen Pappeln leuchten im Nachmittagslicht, die Luft ist schwer vom Geruch gefallener Blätter. Zwischen ihnen wächst ihre unausgesprochene Verbindung, die Sehnsucht nach Zweisamkeit. Sie kommen an am See und beerben eine Mutter mit ihrem Sohn um den letzten Sonnenplatz. Er legt seinen Arm um sie, sie lehnt ihren Kopf an seine Schulter und sie schauen gemeinsam auf das schwarze Wasser des Weihers und alles fügt sich so mühelos.
Er erzählt von seiner Arbeit an der Universität und bedient sich einer Sprache, die ihr fremd ist, spricht von Sartre, Hegel, Heidegger, wie über ein Geheimnis, das nur Eingeweihten zugänglich ist. Sie blickt hoch zu ihm, staunend, sieht ihn und denkt, dass er so anders ist als andere Männer, die sie kennt. Er hat nichts gemein mit den geistlosen Halbwüchsigen, die abends in der Bar unter irgendeinem fadenscheinigen Vorwand mit ihr ins Gespräch kommen wollen und sich dabei ängstlich an ihrem Bier festhalten. Er ist dieser schrillen und lauten Welt entrückt, hat sich gerettet in sein Dasein als Gelehrter, aber das entbindet ihn nicht von einer anziehenden Körperlichkeit, sie fühlt, wie sie innerlich weich wird neben ihm. Manchmal schaut er zu ihr herunter und sie schafft es nicht, seinem Blick standzuhalten, zu viel erzählt er schon von dem, was kommen wird und sie senkt beschämt ihre Lider. „Bist du genant?“ fragt er und sie lächelt im Stillen über diese Worte, die er mitgebracht hat aus einer anderen Zeit.
Sie wissen beide, kaum haben sie sich gesetzt, dass sie sich küssen werden, noch warten sie ab, jetzt haben sie Zeit, ganz bewusst fühlt sie die letzten Momente des vorsichtigen Pirschens, des Unausweichlichen. Sie kostet es aus, bis zum letzten Moment, als sich seine Küsse ihrem Mund langsam nähern, beim ersten in ihrem Haar war sie noch nicht sicher, ob es Wunsch oder Wirklichkeit gewesen war, jetzt aber arbeiten sie sich langsam vor, über ihre Stirn, ihre Nase, ihre Wangen, bis sie ihren Mund finden, der sie wartend empfängt. Es sind Küsse, in die man hineinfallen kann, weich, wie Daunenkissen.
Eine ganze Weile lang sitzen sie und atmen und küssen und irgendwann wird die Nähe zu tief für diese Kulisse und sie wünscht den Park weit weg. Und als er sie fragt, ob sie mit ihm nach Hause kommt, bejaht sie seine Frage, auch, wenn es verrückt ist und sie ihn keinen Tag lang kennt.
Er wohnt direkt an der Spree, hoch über den Dächern und vollen Straßen. Er setzt Teewasser auf, als sein Telefon klingelt. Sie lauscht nicht seinen Worten, nur dem Klang seiner Stimme und schaut über die Dächer, die vom milchigen Abendrot gefärbt werden, errötet, wie sie, wenn er sie ansieht. Sie essen Brote mit Butter und Schinken, zwischen ihnen der Esstisch wie ein großer, weißer Ozean, so ungeheuer sauber, so aufgeräumt und glatt.
Nach dem Essen wird der Tee kalt, denn als er die Teller in die Küche bringt, stoppt er auf dem Rückweg an ihrem Stuhl, zieht ihr Gesicht zu sich heran mit schwerem Atem. So lange haben sie sich beherrscht, nun sieht keiner mehr zu, nicht die Pappeln aus Gold, nicht die Spaziergänger am Weiher, hier sind sie allein, endlich allein. Lassen einander nah sein, wie sie es sein wollten, seit er ihr gestern am späten Nachmittag eine erste Nachricht schrieb. Seit sie bis in die späte Nacht telefonierten, weil sie einander näher sein wollten, wenigsten die Stimme hören des Anderen, auf den sie beide so neugierig geworden waren. Halb küssend, halb taumelnd finden sie den Weg in sein Bett, inmitten der kühlen Laken fallen ihre schwitzig warmen Körper ineinander. Er ist hingerissen, berauscht von ihrer Hingabe, die sich abwechselt mit Widerstand, sie ist gleichsam so zart, wie durstig, ein Gegensatz mit besonderem Reiz. Nicht viele Worte sind nötig, ab und zu flüstert er in ihr Haar, dass sie schön ist. Alle Gedanken sind leer, übrig sind nur Dunkelheit und Nähe. In diesem Taumel hört sie überdeutlich das Ticken seiner Armbanduhr, die noch immer an seinem nackten Arm an die verrinnende Zeit erinnert. Aber er küsst ihn fort, den Tod, in dieser Nacht; er schenkt ihr eine Pause von ihren unablässigen Gedanken um die Vergänglichkeit, um den Schmerz und die Unaufhaltsamkeit der Dinge.

In den Tagen nach ihrer ersten Begegnung kommt ihr die Erinnerung an die gemeinsame Nacht mehr und mehr vor wie ein unwirklicher Traum. Der Alltag trägt sie mit sich auf seine gewohnt träge Art, sie geht zur Arbeit, am späten Nachmittag macht sie Feierabend, wartet an der Haltestelle auf ihren Bus. Aber in ihr ist eine Rastlosigkeit, er hat die Ruhe in ihrem Leben empfindlich gestört. Sie hatte es doch lange schon aufgegeben, nach dem Besonderen zu suchen in dieser Stadt voller Gewöhnlichkeit. Sie hatte sich doch schon lange damit arrangiert, dass jeder Tag mehr oder weniger die Wiederholung des vorherigen war. Nur in ihren Büchern findet sie Zuflucht, das sind ihre Inseln, Trutzburgen der Fantasie. Aber nun ist da jemand und mit ihm die Magie und er schenkt ihr Luft, Luft zum Atmen. Sie will diese Euphorie nicht, sie will den zarten Beginn am Liebsten sofort wieder an ihn zurückgeben, so sehr fürchtet sie sich. Denn was, wenn er ihr wieder entgleitet? Wozu findet man das Glück, wenn es dann jeden Moment vorbei sein kann? In ihre Gedanken versunken, nimmt sie mit einem Mal die Baustelle gegenüber wahr – vielleicht, denkt sie, während sie die Bauarbeiter dabei beobachtet, wie sie meterdicke Betonplatten mit Hilfe eines Lastenkrans auf den Grundmauern positionieren, bauen wir alle nur Luftschlösser. Vielleicht ist alles, was uns bleibt, am Ende nur die Erinnerung an flüchtige Momente.

 

Sie sehen sich wieder. Trotz ihrer Angst, gibt sie sich einen Ruck und sagt zu, als er sie nach einer Woche Sehnsucht einlädt zu einem Vortragsabend an der Universität. Im Foyer herrscht reges Treiben, sie gibt ihren Mantel an der Garderobe ab und glättet verschämt den Stoff ihres Kleides. Sie fühlt sich fremd hier, während er in seinem Element ist, Bekannte links und rechts grüßt. Sie lächelt, nickt, sagt ihren Namen, der im Gewirr aus Stimmen und Gläserklirren untergeht. Sie ist froh, als sie endlich Platz nehmen und ein erster Sprecher das Podium betritt.
Den ganzen Nachhauseweg diskutieren sie über das Gehörte, ereifern sich, fallen sich ins Wort, lachen, es fühlt sich so leicht an, so spielerisch, wie das erste Mal freihändig Fahrradfahren.
In der Nacht liegt sie wach und betrachtet sein schlafendes Gesicht und es ist einer der wenigen Momente, in dem sie das Gefühl hat, dass es sich lohnt, zu leben und die sie sonst nur kennt, wenn sie in einem ihrer heißgeliebten Bücher eine besonders schöne Passage so oft in ihrem Kopf wiederholt, bis sie ganz in ihr widerhallt, bis sie zum Takt ihres Herzschlags wird, ihr Innerstes ausfüllt und für kurze Zeit den Schmerz der Todesgewißheit überspült. Hin und wieder wachen sie auf und entzünden sich aneinander, an einem Blick, an einer Berührung. Dann finden ihre Körper wie selbstverständlich zueinander, was sie mit einem Laut quittiert, ähnlich wie eine ausatmende Welle, die sich an einem langen Strand verströmt.

Als sie morgens nach Hause geht, bemerkt sie, dass die Bäume nun laublos sind. Ihre schwarzen Äste ragen in den wolkenbedeckten Himmel. Das Sterben hat begonnen, der ewige Kreislauf aus Werden und Vergehen geht ein in seine Phase des Rückzugs, des Verwesens und eines langen, traumlosen Schlafes. Sie fühlt sich seltsam entrückt zwischen all den Menschen, die auf den Straßen entlanghasten, die nur sehen, was direkt vor ihnen zu tun ist, ihre Arbeit, die nächste S-Bahn, der Termin beim Zahnarzt. In einigen hundert Jahren wird nichts mehr Bedeutung haben. Seine wissenschaftlichen Schriften nicht, ihre Tränen nicht, ja, nicht einmal eine Erinnerung an sie wird übrig sein in Kopf oder Herz irgendeines Menschen.

Eine Geschäftsreise nach Brüssel trennt sie vorübergehend. Erst glaubt sie, dass ihr die vielen Kilometer ihre Souveränität zurückgeben werden. Ein bißchen Beobachten aus der Entfernung, mit Sicherheitsabstand und doppeltem Airbag. Er schickt ihr ein Video, sie hatte darum gebeten. Ein Video, in dem er ihr vorliest, eine Passage aus einem Buch, das ihm viel bedeutet und gern kam er ihrer Bitte nach. Spät abends erreicht sie seine Nachricht und im Hotelzimmer lauscht sie seinen Worten. Sie fühlt, wie sich langsam die Zärtlichkeit in ihr ausbreitet. Zärtliche Liebe für die Art, wie er spricht, für dieses kleine Zischen bei S-und Z-Lauten, für den ungewöhnlich melodiösen Singsang in seiner Sprechstimme, für seine klaren Augen und das Grübchen auf seiner linken Wange. Die ganze Zeit hat sie noch versucht, sich zu wehren, aber nun entdeckt sie es endgültig in sich, dieses nagende Gefühl, auf irgendeine Art und Weise zu ihm gehören zu wollen. Nein, heiraten ist keine Lösung, sie weiß mittlerweile genug über die Liebe, um noch zu glauben, ein Gelübde auf Papier, unterzeichnet von einem schmallippigen Beamten könne ein Konservierungsmittel für Schmetterlinge sein. Ja, selbst eine Beziehung ist keine Lösung, sie hat es oft genug versucht. Trotzdem spürt sie ihn, den Drang, sich in sein Herz zu schleichen, sie will ein Stück, nur ein klitzekleines Stück davon für sich beanspruchen, sie will, dass er es niemals vergisst, dass er sie mit sich nimmt bis zu seinem letzten Atemzug, nur dieses kleine Eckchen möchte sie haben, nur dort möchte sie erinnert sein. Und gleichzeitig hasst sie ihn, diesen Wunsch nach Ewigkeit, der immer zum Scheitern verurteilt ist, denn es gibt doch nichts unsteteres als die menschlichen Gefühle und selbst wenn sie, für einen Moment mal angenommen, tatsächlich verlässlich wären, wenn man wirklich ein „für immer“ glaubhaft aussprechen und erfüllen könnte, selbst dann wäre dieses immer doch nur für die begrenzte Zeit auf dieser Erde gültig. Wenn sie nur einen Weg finden könnte…Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, die Magie eines Beginns für immer zu behalten!

Wieder in der Stadt, hat er seinen Besuch angemeldet und sie hat es nicht geschafft, abzulehnen. Aus der Nacht kommt er zu ihr, er wird das erste Mal den verblichenen Teppich der Treppen in den zweiten Stock hinaufsteigen. Sie steht am Wohnzimmerfenster und wartet. In den Wohnungen der Straße geht langsam Licht für Licht an, die Menschen kommen nach Hause, kochen, spielen mit ihren Kindern, lachen, schlafen. Sie sieht ihnen zu und wartet auf ihn, was für ein seltsames Gefühl, dass er hierherkommen wird, in ihre Welt. Ihre Schutzzone, ihre letzte Bastion.
Als er eintrifft, entschuldigt er sich, dass er keine Blumen mitgebracht hat. Ein Freund aus seinem Kollegium hat sich das Leben genommen, heute hat ihn die Nachricht erreicht. Er hatte ihn ihr vorgestellt an jenem Vortragsabend, aber sie erinnert sich nicht an sein Gesicht. Sie nimmt ihn lange in den Arm, als er an ihrer Tür ist, länger als gewöhnlich. Es scheint gut so zu sein. Es ist schwer, zu trösten, wenn man sich erst in so kleinen Fragmenten kennt.
Auf ihrem schmalen Bett in ihrem noch kleineren Schlafzimmer liegen sie beieinander und sie lässt ihn erzählen. Fragt nur vorsichtig nach, tastet sich vor, will nicht zu viel, nicht zu wenig sagen. Sein Kollege war ihm seit Jahren ein enger Freund, seine Frau hatte ihn angerufen, auch sie kannte er gut, war oft zum Essen dort gewesen, gehörte fast zur Familie. – „Ich habe ihr nur gesagt, dass er sie sehr geliebt hat. Das waren die einzigen Worte, die mir einfielen. Es waren die einzigen, die Sinn gemacht haben“. Die Worte fallen aus seinem Herz direkt das ihre. Sie sind so offen, so schutzlos, wie die eines Kindes. Sie enthalten allen Zauber der Welt. Ihre Hände halten seine fest und so liegen sie eine ganze Weile, still.
Er hängt seinen Gedanken nach, dann schwenkt seine Trauer unerwartet schnell um in Lust. Sie zögert, sie spürt, dass eigentlich gerade nicht die richtige Zeit ist, dass gerade andere Dinge dran sind, aber er insistiert mit einer so drängenden Verzweiflung und weil sie um die tröstende, lebendige Wirkung von Leidenschaft im Angesicht des Todes weiß, öffnet sie sich für ihn. Sie trinkt von seinem Saft, sein Saft des Lebens, und alles liegt so nah beieinander, das Leben, das Ende, die Fremde, die Nähe.
Als er geht, ist es spät. Er braucht heute noch Freiraum für sich und seine Trauer und sie lässt ihn ohne Widerstand ziehen. Setzt sich, noch nackt, an den Rand des Bettes, er beugt sich hinunter und küsst sie zum Abschied. Ein leichtes Lächeln umspielt seine Lippen und sie glaubt, in seinen Augen so etwas wie Liebe zu sehen. Aber vielleicht ist es nur der Widerschein ihres eigenen Gefühls.

Auch wenn sie es niemals wollte, ertappt sie sich dabei, wie sie an den Tagen, an denen sie nichts von ihm hört, nach der Arbeit durch die Wohnung tigert. Sie lenkt sich ab, so gut es geht, liest, schreibt, sieht fern, hört Musik, trifft Bekannte. Manchmal nimmt sie nicht die Straßenbahn, sondern geht den ganzen Weg nach Hause zu Fuß, über die Brücke am Berliner Dom, sieht lange auf das dahinströmende Wasser. Aber was sie auch tut, ihr Herz, ihr Herz ist bei ihm. Und sie denkt an ihn, wenn sie am Fenster steht, in der Küche und hinausblickt. Dann lischt sie das Licht und hört dem Regenschauer zu, der draußen niedergeht.
Sie haben Nächte zusammen verbracht. Und in ihrem Fall sind das nicht nur Worte, denn sie sind ihr vorgekommen, wie ein seltsam zeitloses Fenster, endlos wie Jahre, kostbar wie Sekunden. Im beständigen Wechsel zwischen Schlafen und Wachen im Schutz und der Geborgenheit seiner Arme. Wenn er betrunken ist vom Wein und vom Duft in ihrem Haar, ist er voller Staunen über die Zartheit ihrer Gestalt, das weiche Entgegenkommen ihrer Seele. Sie sieht es in seinen Augen, sie fühlt es in seinen Berührungen. -„Meine erste Liebe hatte rotes Haar“, hatte er einmal gemurmelt, nachts, als er einige ihrer kupfernen Strähnen hinter ihre Ohren strich.

Als draußen bereits der erste Schnee fällt, ist sein Zuhause für sie ein vertrauter Ort geworden. Aber mit aller wachsenden Zuneigung wird auch ihre Furcht immer größer, sie sitzt ihr im Nacken wie ein Feind, den sie nicht abzuschütteln vermag. Nach einem gemeinsamen Abendessen hat sie ihn um eine kleine Auszeit gegeben. Nur ein paar Minuten, ein wenig Zeit, um sich zu beruhigen, weil die Ängste in ihr gerade wieder mit hohen Wellen an ihre innere Küste schlagen.
Sie sitzt auf dem Sofa, er am Schreibtisch. Das Leder des schwarzen Sofas ist kühl an ihren Beinen. Er hat sich der Arbeit gewidmet und schreibt mit einem Bleistift in sein Noitzbuch, das Schreibgeräusch beruhigt sie, sie atmet langsam ein und aus. Neben ihr auf dem Sofa liegt der Fuchs. „Keine Angst, er ist nicht echt!“ Mit diesen Worten hatte er ihn ihr damals vorgestellt, vor wenigen Wochen, als sie das erste Mal in seiner Wohnung gewesen war. Das zur Handpuppe ausgestopfte Tier war ein Geschenk seines Großvaters, eine Reminiszenz an seine Kindheit, als sie gemeinsam zur Jagd in den Wald gegangen waren.
Vor ihrem verwunderten Blick hatte er es sich über den Arm gezogen und sie hatte in die großen Glasaugen geschaut. Das Tier war ihm ein liebgewonnener Begleiter geworden, eine lebendige Erinnerung und so hauste es auf seinem Ledersofa und ruhte dort tagein tagaus. Beobachtete ihn beim Leben, sah Menschen kommen und gehen und lag dort, zusammengerollt wie eine Katze.
Bisher hat sie es nicht über sich gebracht, ihn zu berühren. Aber nun, als sie einen Moment der Ruhe und des Innehaltens findet, betrachtet sie ihn näher.
Der lange Körper zu einem Kreis geformt, die Vorderläufe langgestreckt auf der Flanke, der Kopf vergraben, nur die Ohren sichtbar, der flauschige Schwanz schmiegt sich einmal rundherum. Fast könnte man erwarten, dass er plötzlich aufwacht, sich räkelt und vom Sofa springt, um sich die Welt anzusehen. Sehr zögerlich streckt sie ihre Finger aus und berührt ganz sacht die linke Vorderpfote, die am nächsten zu ihr liegt. Sie fährt über die Krallen, den Ballen mit den harten Stellen, das Bein entlang. Das Schwarz der unteren Seite wechselt auf Höhe des Ellenbogens zu brauner Farbe, glänzendes, kurzes, Haar. Sie wird mutiger und beginnt, den Rücken des Tieres zu streicheln. Hier ist das Fell länger, weicher, dunkles Braun mit weißen Strähnen, es wächst gleichmäßig und üppig bis zu seinem Nacken. Dort schließlich hat es eine Farbe wie flüssiger Karamell, ein zartes Kupferrot und hier ist es sehr sehr weich. Es kommt ihr verrückt vor, einen toten Fuchs so zärtlich zu streicheln, aber sie kann nicht aufhören. Ihre Finger gleiten den Rücken hinauf und hinab, mal lässt sie einzelne Finger durch sein Fell gleiten, dann die ganze Hand. Schließlich hebt sie leicht seinen Kopf an, um in sein Gesicht zu sehen. Kein Schrecken liegt darauf, auch wenn das Maul leicht geöffnet ist. Die feinen Gesichtszüge scheinen sie direkt zu fixieren, ein für die Ewigkeit festgehaltenes Fuchslächeln, eingefroren im Augenblick des Todes, der ihn jäh ereilt hat. Aus dem Leben gerissen und konserviert in seiner ganzen Pracht und Schönheit für immer und immer und immer. Für immer wird dieser Fuchs sein Gefährte sein, wird wachen und warten, wird hin und wieder von ihm berührt werden, ansonsten wird er hier sein und liegen, ewig jung und ewig schön. Er wird ein Schatz sein, den er hütet und beschützt, der ihm lieb und teuer geworden ist, vertraut und besonders unter tausenden anderen Füchsen.

 

Es ist sehr still im Zimmer. Fast hat er sie vergessen, so vertieft war er in seine Arbeit, aber dann blickt er auf und dreht sich um. Der Raum ist leer. Ist sie ins Bad gegangen? Aber er hat sie nicht gehört, es ging keine Tür und auch der Boden knackt für gewöhnlich merkbar laut, wenn er betreten wird. Er ruft ihren Namen. Es kommt keine Antwort. Verwundert geht er ins Bad, aber es ist dunkel und verlassen, auch im Schlafzimmer ist sie nicht. Der Vollständigkeit halber geht er auch in die Küche, aber hier hätte er sie doch sicher bemerkt, dabei hätte sie an ihm vorbei gehen müssen. Noch einmal ruft er ihren Namen, der in der leeren Wohnung fragend nachhallt. Ratlos setzt er sich auf die Couch. Er registriert, dass sie noch warm ist von ihrem Körper, lange kann sie noch nicht fort sein. Er wird sie anrufen und fragen, wo sie ist. Gerade will er sich erheben, um sein Telefon zu suchen, als er eine Bewegung wahrnimmt. Aus dem Augenwinkel nur und zunächst hält er es für eine optische Täuschung, reibt sich die Augen, schaut dann genauer hin. Zu seiner Linken auf dem Sofa liegt der Fuchs. Und auch wenn das Zimmer nur von der Lampe auf seinem Schreibtisch erhellt wird, kann er im Zwielicht doch ganz eindeutig und klar erkennen, dass sich die Flanke in langsamen, aber regelmäßigen Abständen atmend hebt und senkt.Sein Finger zittert, als er ihn ausstreckt und das schlafende Tier leicht berührt. Mit einem katzenähnlichen Schnurren streckt es kurz seine Glieder, blinzelt zu ihm hinauf und rollt sich dann wieder ein, schmiegt seinen Kopf mit einer anmutigen Bewegung auf seine Vorderpfoten, in einer Art, die ihm so vertraut vorkommt, die er in den vergangenen Wochen so oft gesehen hat. Die Füchsin schließt ihre Augen und ruht wieder. Er bleibt auf dem Sofa sitzen, regungslos, noch ungläubig, schaut in den Raum, ohne etwas zu fokussieren und beginnt schließlich, mit seinen Fingern den zarten Kopf des Tieres zu streicheln.

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Fotocredit: Rotfuchs von nialat über depositphotos

 

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18 Comments

  • Reply Polly November 27, 2015 at 8:26 pm

    Oh…
    Wie schön….

    • kea
      Reply kea November 28, 2015 at 7:21 am

      Danke dir Polly! Ich freue mich, dass sie dir gefällt!

  • Reply Julia Knight November 29, 2015 at 8:56 am

    Ich hab die Geschichte gestern Morgen schon gelesen und auch heute wieder – ich finde sie so unheimlich gelungen, so wunderschön – ich hoffe du packst deine Kurzgeschichten irgendwann in ein Buch zusammen, damit man sie immer mit sich herumtragen kann 😉

    Liebe Grüße
    Julia

    • kea
      Reply kea November 29, 2015 at 10:55 am

      Oh gleich zweimal gelesen! Vielen lieben Dank, das ist ja das beste Kompliment, das man bekommen kann 🙂 Ein Kurzgeschichten-Buch wäre wirklich ein kleines Träumchen! Mal sehen, was sich 2016 so schriftstellerisch bei mir alles tut! Ich freue mich bis dahin aber auf jeden Fall, meine Texte hier mit euch zu teilen und bin auch fleißig am Vorbereiten des Releases meines Coming of Age-Romans – Liebe Grüße! Kea

  • Reply Becci November 29, 2015 at 12:08 pm

    einfach wunderbar und herzerwärmend. genau das richtige für ein kaltes adventswochenende <3

    • kea
      Reply kea November 30, 2015 at 7:31 am

      Liebe Becci, vielen Dank! Schön, dass die Geschichte dein Adventswochenende begleiten durfte 🙂

  • Reply Laura November 29, 2015 at 6:03 pm

    ich bin total begeistert von deiner Kreativität. Mach weiter so, es hat mir sehr viel Spaß gemacht deine Texte zu lesen. Ich weiß wie schwierig es ist, alle kreativen Gedanken in einen Text zu fassen. Deshalb freue ich mich über jeden, der Spaß am schreiben hat und seine Texte für die Öffentlichkeit zur Verfügung stellt.
    Ganz ganz liebe Grüße, Laura

    • kea
      Reply kea November 29, 2015 at 6:10 pm

      Guten Abend liebe Laura, vielen herzlichen Dank für deine lieben Worte! Da es für mich ja noch ganz neu und ungewohnt ist, selbst verfasste Texte hier zu veröffentlichen, die sich nicht um Einrichtung drehen, freut es mich sehr, wenn ich so positive Rückmeldungen bekomme 🙂 Das motiviert und bestärkt mich, das ich auf dem richtigen Weg bin 🙂 Liebe Grüße! Kea

  • Reply Josie November 29, 2015 at 9:31 pm

    Eine unheimlich tolle Geschichte. Ich hab deinen Blog gleich mal zu meinen Favoriten gepackt, damit ich mir alle mal in Ruhe durchlesen kann. Du hast einen wirklich tollen Schreibstil.
    Dein Design gefällt mir auch wirklich gut. Es ist mal was ganz anderes.
    Mach weiter so 🙂

    Liebste Grüße,
    Josie | josieslittlewonderland.de

    • kea
      Reply kea November 30, 2015 at 7:23 am

      Liebe Josie, vielen lieben Dank – ich freu mich über so liebe Worte zu meinem Schreibstil immer wie eine Schneekönigin! Ich freu mich, wenn du in Zukunft öfter vorbeischaust, habe deinen Blog eben auch besucht und kommentiert und werde garantiert Wiederholungstäterin 🙂 Liebe Grüße! Kea

  • Reply Nadine - breukesselchen November 30, 2015 at 7:17 am

    Oh….(war mein gleicher Gedanke, wie von Polly 🙂 Und so schön geschrieben, liebe Kea! <3

    • kea
      Reply kea November 30, 2015 at 7:31 am

      Guten Morgen meine Liebe 🙂 Ja, ich weiß, das Ende ist etwas überraschend, normaler Weise schreibe ich eigentlich ja immer nur sehr handfeste und realistische Dinge. Aber ich fand, diese Geschichte könnte eine Portion Magie ruhig vertragen 🙂 Freu mich sehr, dass sie dir gefällt!!

  • Reply Manon Dezember 10, 2015 at 4:33 pm

    So schön, so intim, so gefühlvoll… ein wahnsinnig schöner Text! Danke dafür! Und bitte, bitte „mehr, mehr, mehr“… 🙂

    • kea
      Reply kea Dezember 10, 2015 at 8:17 pm

      Viiiiielen vielen Dank Manon, für das tolle Feedback, das tut so gut, zu hören! Mehr Texte kommen ganz bald 🙂

  • Reply Märzmädchen Dezember 15, 2015 at 7:39 am

    Wirklich wunderschön und sehr gefühlvoll! Das Ende ist überraschend, aber so sollten Kurzgeschichten meiner Meinung nach sein 🙂 Die Germanistin in mir schreit nach einer Interpretation, aber das würde der Geschichte nict gerecht, sie ist einfach nur schön!

    Liebst ♥
    Alex

    • kea
      Reply kea Dezember 15, 2015 at 5:25 pm

      Vielen lieben Dank, Alex! Ja, das Ende ist wirklich etwas ungewöhnlich, gerade für mich, ich bewege mich normaler Weise immer im Bereich des Realistischen – aber manchmal muss man auch einfach ausbrechen 🙂 OH, eine Interpretation einer Germanistin würde mich aber brennend interessieren 😀 Wenn du Lust hast, schreib mir gern was per Mail dazu :*

      • Reply Märzmädchen Dezember 18, 2015 at 6:23 pm

        Wenn ich die Feiertage über Zeit habe, versuche ich mich mal daran! Solche ‚Aufgaben‘ reizen mich ja schon 😀

        Hast du im übrigen meine Mail bekommen? Habe jetzt vermehrt Rückmneldung bekommen, dass die ein oder andere nicht ankam und wollte nur kurz nachfragen 😛

        Liebst ♥

        • kea
          Reply kea Dezember 18, 2015 at 7:17 pm

          Oha, Nein, ich habe nichts mehr bekommen! Ich schicke dir mal eine andere Adresse 🙂

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