Berliner Begegnungen Shortstory Texte & Essays

Der Pianist

November 24, 2015

Wer mag, hört beim Lesen dieser Berliner Begegnung die Musik, die ich beim Schreiben gehört habe: Eine zauberhafte Nachtmusik von Chopin, die die Stimmung im Text ganz wunderbar untermalt. Also einfach ein zweites Tab öffnen, auf Play drücken und weiterlesen.

Berlin ist grau, wolkenverhangen. Die letzten Tage voll goldenem Herbstleuchten sind mit einem Mal erloschen und durch die Straßen weht ein schneidend kalter Wind. Die Gedanken, die mich begleiten, sind betongrau, ich fühle mich einsam und ziehe meinen Mantel eng vorm Körper zusammen. In mir wohnt seit Tagen irgendein seltsamer Anflug von Trübsal. Um mich herum all die Menschen, dick eingepackt in tausend Schichten von Pullovern, Jacken und Anonymität. Man kann sich in Berlin, trotz oder wegen der vielen Menschen sehr einsam fühlen. Sie erscheinen mir wir eine große, träge Masse, haben ihre Poesie verloren, jagen nur Luftschlössern nach, dem nächsten Urlaub, dem nächsten Besäufnis, der nächsten Möglichkeit zu Betäubung und Vergessen.

Ich besteige die Bahn und lasse mich fast vom monotonen Rattern der Schienen in einen Halbschlaf wiegen, als ein junger Mann mir gegenüber Platz nimmt. Er hat eine eigenartige Physis, lang und hager, wie junge Männer es oft sind, wenn die Körper schneller in die Höhe schießen, als die Kräfte mitwachsen können. Der schlaksige Eindruck wird obendrein unterstrichen durch sein Haar, eine beachtliche Menge dunkelbrauner Locken, die nach allen Seiten abstehen. Er bugsiert seine Arme und Beine, die mich unwillkürlich an Tentakel erinnern, mühsam auf die enge Sitzbank. Unter dem wallenden Haar wirken sein feinen Gesichtszüge noch zerbrechlicher. Blasse Haut, eine markante Nase, volle Lippen. Er hat eine durch und durch aristokratische Optik, die kontrastiert wird von einer knatschgrünen Bomberjacke, Jeans und Turnschuhen, die seine unmoderne Gestalt ins Hier und Jetzt holen. Man könnte denken, er sei von einer Zeitmaschine ausgespuckt worden und hätte sich nun den heutigen Gegebenheiten angepasst, so gut es eben geht.

Als die Bahn wieder anfährt, zieht er aus seinem Rucksack die ungewöhnlichste Lektüre, die man sich an einem Ort wie diesem vorstellen kann, an dem sonst Bildzeitung oder Elektromusik auf dem I-Pod das Unterhaltungsprogramm prägen: eine Partitur von Mozart. Behutsam schlägt er sie auf, blättert einige Seiten hindurch, sehr zielstrebig, findet die gesuchte Passage und versinkt. Ja, man kann es nicht anders sagen, nie zuvor habe ich einen Menschen so konzentriert lesen sehen. Was nun geschieht, ist ein Akt absoluter Hingabe und Selbstvergessenheit.
Simultan zu den Noten, die seine Augen erfassen, beginnen seine Finger in der Luft zu malen. Erst vorsichtig, dann lebhafter, bestimmter. Seine Lippen bewegen sich und murmeln lautlose Worte dazu. Bei jedem energischen Taktstrich wippen die Locken um seine Stirn. Er zelebriert jede einzelne Note, er kostet sie aus, wiederholt sie und schüttelt energisch den Kopf, wenn er in seinem gedanklichen Klavierspiel einen Fehler entdeckt hat. Dabei legt sich seine Stirn in Falten, er wiederholt und wiederholt die Passage, bis schließlich das, was er vor sich hat zu der Musik zu passen scheint, die er in seinem Kopf hören kann. Wieder und wieder liest und spielt er sich durch wenige Takte. Er blättert geschlagene 5 Stationen lang nicht ein einziges Mal um. Ich wünschte, ich könnte ihn hören, nichts mehr möchte ich in diesem Augenblick, als dem lauschen, das nur er hören kann. Entschuldigung, hat mal bitte jemand kurz ein Klavier zur Hand für diesen jungen Pianisten?
Aber die Menschen um mich herum hören die Musik nicht. Da fliesst sie, die graue Masse, die leeren Blicke. Sie muss von einnehmender Schönheit sein, diese Partitur. Und was für ein Geschenk, die Gabe, die Musik im eigenen Kopf entstehen zu lassen, so, wie Mozart es beim Komponieren konnte! Der die Werke, die wir heute belauschen als Allerester hörte, der immer Gast seiner eigenen Premiere war, der lautlosen Uraufführung.
An der Schönhauser Allee muss ich den Zug verlassen, nur widerwillig löse ich mich von diesem hinreißenden Anblick, diesem Ausdruck echter Leidenschaft, den er all jenen preisgibt, die ein Ohr haben für die ganz leisen Töne. Die, wenn sie genau hinsehen, von ihm lernen können, dass es auch inmitten von Großstadtlärm möglich ist, unserer ganz eigenen Melodie zu lauschen.

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6 Comments

  • Reply Märzmädchen November 24, 2015 at 12:12 pm

    Einfach nur wunder, wunderschön 🙂
    Ich mag diese szenenhaften, kurzen Episoden von Kurgeschichten. So ein Ausschnitt aus dem Leben einfach 😀

    • kea
      Reply kea November 24, 2015 at 12:18 pm

      Hallo meine Liebe, vielen lieben Dank! Berlin ist für Inspirationen zu diesen kleinen, in Wort gefassten Lebens-Fragmenten aber auch ein reicher Pool 🙂

  • Reply Septembermädchen November 24, 2015 at 4:03 pm

    Da sitze ich nun und habe tatsächlich den Mozart ausgegraben…heute darf er mit uns zu Abendbrot essen.
    Danke kea für die Inspiration.
    Bis morgen zur nächsten Kurzgeschichte

    • kea
      Reply kea November 24, 2015 at 4:11 pm

      Oh wie schön, Julia! Das freut mich aber ganz besonders – ich wünsche eine stimmungsvolle Mahlzeit! Klassische Musik beim Essen ist so stilvoll und schön, das entschleunigt direkt und gibt dem Alltag einen ganz besonderen Glanz!

  • Reply Nadine - breukesselchen November 25, 2015 at 6:59 am

    Was für eine schöne Geschichte, liebe Kea! Wer weiss, wie lange dieser Mann noch in der Bahn saß und wohlmöglich seine Station verpasst hat.. Da hätt’ ich fast Lust auf ein Klassikkonzert über die Feiertage.
    Liebe verschneite Grüße, Nadine ( Es hat gerade dicke Flocken hier geschneit…der Winter ist daaaaaaaaaaaaaaa!!! Yupppiiieeee!!!

    • kea
      Reply kea November 25, 2015 at 7:23 am

      Guten Morgen meine Liebe! Thihi, ja, das kann mehr als gut sein, dass er weiter gefahren ist, als beabsichtigt, so vertieft, wie er war! Ein Klassikkonzert ist eine tolle Idee, ich muss gestehen, da war ich auch ewig nicht mehr! Herzlichen Glückwunsch zum Winter, hier hat es gestern Abend angefangen und wir sind nachts um 11 auf die Straße gegangen, um den ersten Schnee zu begrüßen, das war total schön! Und nun flitze ich noch eine kleine Runde in den Winterwald, bevor die Arbeit losgeht. Ich bring euch Bilder mit! Genieß die weiße Pracht 🙂 Liebste Grüße!

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