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Brauchen wir eine neue Politik – oder vielleicht auch eine neue Wählerschaft? Ein Plädoyer für eine kritische Selbstbeschau.

November 10, 2016

Ich glaube, viele von uns, die gestern genauso ungläubig auf das Ergebnis der US-Wahlen geschaut haben wie ich, haben das auch deshalb getan, weil uns dämmert: So weit weg sind auch wir nicht von Phänomenen wie diesem. Dass Populismus die Stimmen all derer einfängt, die sich nicht gehört fühlen, die sich abgehängt und von den Parteien nicht vertreten fühlen, das lässt sich in Europa und hierzulande in Echtzeit beobachten – eine Aussicht, die für das Wahljahr 2017 nicht gerade optimistisch stimmt.

Die Frage, die sich mir aufdrängt ist folgende: Sind die PolitikerInnen unser Problem – oder tragen wir nicht auch eine gehörige Portion dazu bei?

Edition F Mitbegründerin Nora-Vanessa Wohlert forderte von den VolksverterterInnen in einem offenen Brief an die Parteien:

Die Politik muss sich wandeln. Eure Politik.

Ich sage: Ja, die Parteien müssen sich um ihren Nachwuchs kümmern, sie müssen überkommene Strukturen aufbrechen, sie müssen den Menschen zuhören. Aber ich fordere genauso: Die WählerInnen müssen sich genauso wandeln. Wir müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie unser eigenes Verhalten die PolitikerInnen beeinflusst.

Das, was für die wütenden BürgerInnen in den USA gilt, das gilt auch hier: Es wird nicht FÜR gewählt – sondern DAGEGEN. Etablierte Parteien und PolitikerInnen gelten als korrupt, machtorientiert und mit der Wirtschaftslobby verbrüdert. Und geflügelte Worte wie die „Lügenpresse“ stärken das Vertrauen in den Bildungsauftrag der Medien auch nicht gerade.

Den Protestwählern kann man in meinen Augen mit nur drei Dingen begegnen:

  1. Erstens: Man muss ihnen zuhören.

Dazu sagte Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte Uni Mainz sagte im ZDF Mittagsmagazin:

„ Es gibt so etwas wie diesen Konsens darüber, was man sagen kann und darüber, was man eigentlich nicht sagen kann – oder wenn man es sagt, dann stößt man auf hochgezogene Augenbrauen und fühlt sich irgendwie ausgegrenzt. Ich glaube, was die Debatte in Deutschland nicht brauchen kann, sind Herablassung & Ausgrenzung. Und was die Politik in Deutschland braucht, das sind demokratische Politiker, die ihre erkennbare politischen Positionen vernünftig begründen, offensiv begründen und auch leidenschaftlich vertreten. Wir brauchen die politische Debatte in Deutschland, so dass nicht immer größere Teile der Gesellschaft den Eindruck habe, sie werden gar nicht gesehen.“

Ich erweitere diese Forderung um einen Aufruf zu mehr Dialog unter demokratischen BürgerInnen, also unter uns allen. Ja, auch ich bin oft versucht, mich von meinen Gefühlen des Unverständnisses und der auch mal ganz klaren Abneigung gegenüber all denjenigen übermannen zu lassen, die den Populisten in die Fänge gehen. Aber wir dürfen nicht nachlassen in unserem Bemühen, die die Befürchtungen dieser Menschen ernst zu nehmen, denn der Ruf nach mehr Führung, nach jemandem, der mal „richtig durchgreift“ (und wohin das führt, das wissen wir wohl alle) – sie sind Produkt von Angst und dem Gefühl der Hilflosigkeit. Sie sind Ergebnis eines öffentlichen Diskurses, der davon ausgeht, dass man vor dem Fremden keine Angst haben DARF – und damit versäumt, zu verstehen, dass manche Menschen nun einmal genau diese Ängste hegen. Wir brauchen eine neue Debatte: Eine inklusive, eine, ohne Scheuklappen.

2. Zweitens: Wir müssen allen WählerInnen das demokratische System näher bringen.

So überflüssig das auf den ersten Blick wirken mag. Denn Demokratie, das bedeutet in meinen Augen mehr, als alle 4 Jahre ein Kreuzchen zu machen und widerwillig seine Steuern zu zahlen.

Wenn wir den verantwortungsvollen Umgang im Straßenverkehr lernen, dann müssen wir üben: Praxis und Theorie – weil es eben um mehr geht, als um unser eigenes Leben, wenn wir hinter dem Steuer sitzen. Es geht im Verantwortung, die wir für unsere Mitmenschen haben. Wenn wir unsere Volksvertreter wählen, ist auch das ein Akt, mit dem wir Verantwortung übernehmen, die für mehr gilt, als nur für uns selbst: Es geht um nichts weniger als die Gestaltung der Gesellschaft, in der wir leben wollen. Dabei wissen die meisten Deutschen vermutlich nicht einmal, wie ein Gesetzt zu Stande kommt (wer jetzt peinlich unter sich schaut, guckt hier). Wie kann das sein?

Warum wird nicht ganz klar empfohlen, vor der ersten Wahl zu lernen, wie Demokratie im Detail funktioniert? Dieses Wissen regelmäßig aufzufrischen? *Durch den konstruktiven Hinweis in einer Blogger-Gruppe auf Facebook möchte ich an dieser Stelle betonen, dass es mir NICHT darum geht, einen Test einzuführen, der die Menschen in Wahl-Berechtigte und Nicht-Wahlberechtigte unterteilt. Es geht um eine Art freiwilliger Selbstkontrolle. Die nicht nur für Protestwähler gilt, sondern für alle. Denn wer weiß, wie der politische Willensbildungsprozess wirklich funktioniert und seine Herausforderungen kennt, der, so meine These, hat auch mehr Verständnis für „die da oben“. Der ist nicht ganz so leichtes Futter für die populistischen StimmenfängerInnen, weil er verstanden hat, dass komplexe Probleme nicht per Hauruck zu lösen sind.

Wir erwarten alle, dass morgens die gelbe Tonne geleert wird, dass der Bus uns zur Arbeit fährt, auf einer Straße, die möglichst keine Schlaglöcher hat, auf der Fahrt wollen wir dank guter Breitbandverbindung Videos auf unseren Smartphones schauen und nach Feierabend wollen wir eine attraktive Gastronomie in der Stadt vorfinden. Aber wie das alles zur Verfügung gestellt wird, das kümmert uns nicht.

Ich weiß noch gut, wie ich in meiner Zeit als Stadtverordnete für die Grünen eines samstagmorgens im Bus saß und zum Rathaus fuhr – zur Vorbesprechung der kommenden Verhandlungen über den städtischen Haushalt. Plötzlich packte mich der Zorn. Darüber, dass alle, die um mich herum saßen, nicht für eine Sekunde darüber nachdachten, dass es so etwas wie den städtischen Haushalt überhaupt gab. Die in die Innenstadt fuhren, um zu shoppen und sich im Leben nicht am Wochenende für eine Parteiveranstaltung aus dem Bett quälen würden. Liegt das daran, dass Partei-Arbeit unattraktiv sind? Vielleicht auch. Aber in erster Linie liegt das an Bequemlichkeit. Das ist unangenehm. Aber wahr. Und wer jetzt einwendet, sich politisch zu engagieren, dazu fehle es an einer passenden Partei, dem lege ich, wer hätte es jemals gedacht, ausgerechnet die Worte eines CDU-Mannes ans Herz – denn auch das gehört zur gelebten Demokratie. Dem anderen die Butter auf dem Brot gönnen, wenn sie oder er verdammt noch mal Recht hat!

Wer nur nach dem Prinzip „Entweder alles oder gar nicht“ politisch aktiv werden will und meint, nur in eine Partei eintreten zu können, die zu 100 Prozent die eigenen Positionen vertritt, der wird vermutlich nicht fündig werden, wahrscheinlich auch nicht bei uns. *

*CDU-Generalsekretär Dr. Peter Tauber in seiner Antwort auf den offenen Brief von Nora-Vanessa Wohlert

3. Wir brauchen eine neue Fehlerkultur. Und ein neues Bewusstsein dafür, das gesellschaftlicher Fortschritt ein wellenförmiger Prozess ist und keine lineare Bewegung.

Politik, das ist Streitkultur, das sind lange Nächten voller Diskussionen – und, wer kennt das nicht aus dem Privaten, nicht immer mit zufriedenstellendem Ergebnis. So ist der Mensch, so ist das Leben und weil Politik von Menschen gemacht wird, passieren Fehler.

Doch wenn man der Politikverdrossenheit auf den Grund geht, dann kommt man ziemlich schnell zu ihrem Hauptargument: PolitikerInnen halten nicht, was sie versprechen.

Wen aber wundert denn das wirklich? Wir leben in einer Demokratie. Kompromiss gehört da zwangsläufig zum Tagesgeschäft. Wie aber, soll das in einem Land kommuniziert werden, in dem jeder Kompromiss als Niederlage gewertet wird? Auch Nora-Vanessa Wohlert sieht dieses Problem und wünscht sich eine Demokratie, in der Fehler oder unbeliebte Wahrheiten gesagt werden dürfen, ohne dass die BürgerInnen ihre gewählten Vertreter gleich durchs Dorf treiben:

„Weil Politiker mutig genug sein würden, zu sagen, was sie denken, auch, wenn sie damit vielleicht nicht jedem gefallen.“

Warum ist es nicht möglich, eine Wahl-Niederlage einzugestehen? Warum muss, bevor man überhaupt Atem geholt hat, bereits auf den Gegner verbal eingedroschen werden? Ich sag es mal provokativ: Weil die Wählerschaft das nicht zulässt.

Die Medien produzieren das, was sich verkaufen lässt. Und Deutschland liebt die reißerischen Überschriften gewisser Tageszeitungen, deren Redakteure engagierter nach Fehlern suchen, als Schweine nach Trüffel. Und die Deutschen lieben nicht nur ihre Nörgelei, sie haben dabei auch das Gedächtnis eines Elefanten.

Scheitern, das darf nicht passieren. Dabei ist es menschlich und wird überall passieren, wo Menschen sind: In Beziehungen, in Unternehmen und ja, auch in der Politik.

Aber wenn wir Politiker wollen, die ehrlich sind, dann müssen wir die Wahrheit auch verkraften können. Dann müssen wir auch zugestehen, dass Politik Fehler macht und das nicht konsequent mit Abwahl bestrafen.

JEDE Koalition verlangt Kompromisse. Koalitionen bedeuten, dass nicht alle im Wahlkampf versprochenen Ziele umgesetzt werden können. Immer. Darf diese Wahrheit mal durchsickern, ohne, dass deshalb alle PolitikerInnen gleich als LügnerInnen gelten? Haben wir immer so trennscharf unterschieden zwischen Kompromissen und Prinzipienlosigkeit? Oder sind wir nicht vielmehr gewohnt, in schwarz-weiß-Denken zu verfallen?

Eine Politik, die für alle jederzeit das Maximale herausholt kann und wird es nicht geben.

Dirk Baranek kommentierte den Artikel von Wohlert, wie folgt:

Es kann die eine gute Politik, so wie sie hier gefordert wird, per Definition daher nicht geben. Zudem: Der zu verteilende Kuchen ist begrenzt. Sicher, mehr Hilfe für Alleinerziehende sind wünschenswert, aber soll man dafür Familien was nehmen oder RenterInnen? Sicher, mehr Hilfen für ALG2-Bezieher wären gut, aber soll man es denen nehmen, die beruflich Erfolg haben über das hinaus, was sie eh schon zahlen? Von daher: es kann nur den Ausgleich der Interessen geben auf der Basis von Wahlentscheidungen. In dem Sinne ist alle Politik schlecht, weil sie Kompromisse abbildet. Das ist das Beste was sie tun kann. Und das finde ich gute Politik.

So sieht es aus. Wer angesichts der enormen Herausforderungen, vor denen Deutschland und die Welt steht, behauptet, man müsse „einfach“ dies und jenes tun – der geht einen gefährlichen Weg. So ein vereinfachtes Bild von Politik treibt die Wähler in die Hände von AfD & co.

Mein Fazit lautet: Nichts ist so anstrengend, wie Demokratie. Aber sie ist unsere einzige Chance. Zu streiten, bedeutet per se, dass am Ende nicht alle das bekommen, was sie ursprünglich wollten. Aber ein offener Diskurs lässt alle Argumente zu. Denn eines, das kann dann niemand mehr behaupten: Es habe niemand zugehört.

Demokratie, das ist nicht etwas, das von einer realitätsfernen Elite gesteuert wird – es ist UNSERE Demokratie. Lasst uns anfangen, sie zu einem Teil unseres Lebens und unseres Dialoges zu machen. Lasst uns unsere Verantwortung begreifen und uns WIRKLICH mit dem auseinander setzen, was da vor uns liegt: Mit dem politischen System, mit den Ängsten der Menschen und mit der Tatsache, dass Demokratie aus Kompromissen besteht. Dann, so glaube ich, sind wir auf einem guten Weg.

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16 Comments

  • Reply Rebecca November 10, 2016 at 5:37 pm

    Ach, meine Kea. Ja! <3

  • Reply Nadine November 10, 2016 at 8:00 pm

    Hi,
    schöner Artikel 🙂
    Es freut mich zu sehen, dass auch Blogs, die nicht zum Bereich Politik zu zählen sind, sich über die aktuellen Probleme ihre Gedanken machen. Ich denke, dass genau durch Artikel wie von dir das Interesse an Politik und die Diskussion viele Menschen erreichen kann, die sich sonst nicht hauptsächlich damit beschäftigen.
    Bei deinen ersten beiden Punkten möchte ich dir aber ein wenig widersprechen bzw. einen Gedankenanstoß geben. Du spricht davon den Protestwählern zuzuhören und empfiehlst, dass sich die Menschen mit der Demokratie auseinandersetzen. Ich möchte einmal ganz provokativ in den Raum werfen, dass (populistische) Parteien aus dem rechten Spektrum wie die AFD nicht verfassungsfeindlich sind, d.h. sie entsprechen -solange das Verfassungsgericht nichts gegenteiliges feststellt- der demokratischen Norm. Soche Parteien scheinen momentan vielen Menschen „ein besseres Angebot“ zu machen als die etablierten Parteien, zumindest scheint es. Ich denke, dass „Zuhören“ nur ein sehr kleiner Teil der Lösung des momentanen Problems darstellt. Die Parteien müssen wieder lernen, den Menschen bessere Angebote zu machen. Jede Partei – auch die großen Volksparteien- erreicht nur eine bestimmte Bevölkerungsschicht mit ihren Anbegoten. Und deshalb sollte es vorrangig Aufgabe der Parteien sein, sich im „Wettbewerb“ Demokratie zu positionieren und mit Angeboten zu überzeugen. Das ist die bessere Möglichkeit neue Parteien, deren Weltbild man nicht teilt, wieder verschwinden zu lassen 🙂

    • kea
      Reply kea November 10, 2016 at 9:05 pm

      Guten Abend Nadine, vielen Dank für deinen langen Kommentar! Die Empfehlung, sich mehr mit dem demokratischen System zu beschäftigen, die gebe ich uns übrigens allen – keineswegs nur den Protestwählern. Ich kenne genug Menschen, die sich tatsächlich wenig mit der Demokratie beschäftigen, die noch nie eine Bundestagsdebatte angesehen haben usw. Dass die rechtsgerichteten Parteien den Menschen ein besseres Angebot machen, das bezweifle ich stark – sie hören die Sorgen und nehmen die Ängste bestimmter Bevölkerungsschichten besser auf, das ja. Aber inhaltlich finde ich nicht, dass sie kompetente Lösungsansätze vorbringen, sondern auf ein sehr reduziertes schwarz-weiß-Denken zurückgreifen. Dieser Populismus ist es, der bei Menschen, die sich nicht verstanden fühlen, greift – daher mein Bemühen um mehr Dialog, mehr Verständnis und argumentative Auseinandersetzung. Ich halte das Problem eben in hohem Maße für eines, das aus Kommunikations- und Erwartungshaltungsproblemen besteht, wie ich im Artikel versuche, zu erklären. Ich glaube nicht, dass die etablierten Parteien schlechte Antworten haben. Das mag jeder anders sehen, aber mein persönlicher Eindruck, auch aus dem politischen Alltag als ehem. Mandatsträgerin, ist so. Wie gesagt – eine Politik, die es allen immer recht macht, gibt es nicht. Auch die AfD hat sie nicht, daher wird sie vermutlich einiges von dem, was sie aktuell an „denen da oben“ kritisiert, selbst nicht anders machen können, sobald sie in der Verantwortung ist und sich somit selbst auf dem politischen Parkett den scharfen Wind aus den Segeln nehmen.

  • Reply Jenni November 11, 2016 at 7:14 am

    Liebe Kea,

    ich glaube, ich kann unter diesem Artikel nicht viel mehr schreiben als „Danke“ und „Super!“. Ich finde es klasse, dass du dich auf deinem Blog auch mit diesen Themen beschäftigst und habe den Post sehr, sehr gerne gelesen. Ich muss zugeben, nicht die Top-Informierteste zu sein, was Politik betrifft. Ich gebe mir viel Mühe, verfolge die Debatten, schaue und lese Nachrichten, habe aber irgendwie immer das Gefühl, mir ginge noch immer viel zu viel durch die Lappen. Dein Artikel hat mich auf jeden Fall (zusätzlich zum Wahldebakel in den USA) motiviert, noch mehr am Ball zu bleiben, noch informierter zu bleiben.
    Denn ich glaube, das ist (wie so oft) der Schlüssel zu allem: Information. Wissen ist Macht. Ausgekaut, aber wahr.

    Liebe Grüße
    Jenni

    • kea
      Reply kea November 11, 2016 at 7:47 am

      Liebe Jenni, Danke, das freut mich sehr, dass dir der Artikel eine Motivationsspritze verpassen konnte, dich noch mehr mit Politik und Gesellschaft zu befassen. Es geht sicher vielen so, dass die Fülle an Information zu dem Gefühl von Überforderung führt, umso wichtiger ist es, dass wir immer wieder Mut fassen, uns trotzdem einzubringen. Denn auch wenn es ausgekaut erscheinen mag, es ist nicht minder wahr: Bildung und Wissen sind die wichtigsten Schlüssel. Wie schön, dass meine Gedanken vielleicht ein kleines Stück dazu beitragen können, Lust darauf zu machen, sich zu informieren! Dann hat der Artikel sein Ziel schon mehr als erfüllt 🙂 Liebe Grüße, Kea

  • Reply Biene November 11, 2016 at 9:56 am

    Ich finde das, was du zu Beginn klar stellst, ist extrem wichtig und spiegelt genau das wider, was gerade passiert. Es gibt so viele Leute, die in den USA den extremen Trump und hierzulande AfD wählen, weil sie sich von der Politik inzwischen nicht mehr gehört und abgeholt fühlen. Man darf nicht sagen, dass man gegen die Flüchtlingspolitik usw. ist, weil man dann als Neonazi und dumm abgestempelt wird. Dabei ist sowas doch nie schwarz-weiß. Natürlich darf man Bedenken haben, aber unsere Gesellschaft hat sich inzwischen so sehr in einen linken Einheitsbrei verwandelt (auch parteien-technisch), dass man diese Bedenken bloß niemandem gegenüber äußern darf. Alle zensieren sich gegenseitig, alle müssen Friede-Freude-Eierkuchen und Liebe für alle vermitteln. Sowas schürt Verdruss, denn man ist nicht gleich rechts (radikal), nur, weil man über diese Probleme reden will. Das Ergebnis sieht man dann eben in solchen Wahlergebnissen. Man muss sich nicht wundern, dass auch hier in Deutschland die AfD erstarkt, weil sie mit ihren (wenn auch teils radikalen) Ideen diesen Leuten endlich wieder ein Sprachrohr bietet, denen ihre eigene Meinung verboten wird.

    LG Biene
    http://lettersandbeads.de

    • kea
      Reply kea November 12, 2016 at 6:17 pm

      Hallo Biene, vielen Dank für deinen Kommentar – ja, diese verdrängten Diskurse über die Stellen, an denen Ängste auftauchen führen mit Sicherheit dazu, dass Parteien wie die AfD so viel Zulauf haben. Ich glaube, dass aber auch die etablierten Parteien Antworten geben könnten, wenn sie sich mehr in diese Auseinandersetzung begeben würden. Denn bei der AfD schlagen diese Ängste dann in Sorge um, die sich verselbstständigen und schlimme Formen annehmen. Wenn ich das Programm dieser Partei lese, wird mir ganz flau im Bauch – in einem Land, das diese Politik vertritt, möchte ich nicht leben. Deshalb glaube ich auch, dass es ungemein wichtig ist, dass wir alle für unsere Haltung einstehen. Bisher hat es vielleicht gereicht, das privat oder ganz stumm beim Ankreuzen in der Wahlurne zu tun – jetzt habe ich das Gefühl, diese Zeiten sind vorbei und wir müssen uns bemerkbar machen, damit wir lauter sind als die Populisten. Liebe Grüße, Kea

  • Reply HIMMELSSTÜCK | Rahel November 11, 2016 at 11:51 am

    Bravo! Mit so einer Einstellung sind wir sicherlich teilweise auf dem richtigen Weg!

    • kea
      Reply kea November 12, 2016 at 6:19 pm

      Danke dir, liebe Rahel, du hast ja mitbekommen, dass ich auf facebook in einer Blogger-Gruppe persönlichen Beleidigungen ausgesetzt war durch diesen Artikel – verrückte Welt, in der ein Aufruf zu mehr Demokratie und politischer Bildung so heftige Gegenreaktionen auslösen kann. Da müssen wir alle wach sein und dein Rückenwind tut gut, Danke!

  • Reply Susanne November 15, 2016 at 9:51 am

    „Demokratie, das ist nicht etwas, das von einer realitätsfernen Elite gesteuert wird – es ist UNSERE Demokratie. Lasst uns anfangen, sie zu einem Teil unseres Lebens und unseres Dialoges zu machen. Lasst uns unsere Verantwortung begreifen und uns WIRKLICH mit dem auseinander setzen, was da vor uns liegt: Mit dem politischen System, mit den Ängsten der Menschen und mit der Tatsache, dass Demokratie aus Kompromissen besteht. Dann, so glaube ich, sind wir auf einem guten Weg.“ Bei diesen Worten bekomme ich Gänsehaut! Ich danke dir, Kea. Von Herzen.
    Susanne

    • kea
      Reply kea November 15, 2016 at 11:36 am

      Sehr sehr gerne! Schön, wenn die Worte so gut tun und Kraft spenden – uns allen, damit wir weitermachen und das Feld nicht denen überlassen, die am lautesten Schreien, aber deshalb nicht Recht haben. Liebe Grüße an dich! Kea

  • Reply Sabine November 15, 2016 at 9:21 pm

    Liebe Kea,
    danke für diesen tollen Artikel! Ich dachte schon nach ein paar Zeilen, dass du selbst irgendwas mit Politik zu tun gehabt haben musst, weil man das irgendwie rausliest, aber nicht auf eine überhebliche oder unverständliche Weise, sondern so, als würde dir etwas daran liegen, eine weitere Perspektive aufzuzeigen, mit der du dich auskennst.
    Zwar bin ich über das aktuelle Geschehen sehr informiert und habe auch meine Meinung dazu. Ich war aber als Jugendliche extrem desinteressiert an Gemeinschaftskunde und habe dadurch ehrlich gesagt auch jetzt noch ein paar Verständnislücken, was das ganze komplexe System angeht, weshalb ich mich nie trauen würde, so einen Artikel zu schreiben. Gut, dass du es tust! Besonders dein erster Punkt tut weh, weil er so richtig ist.
    Noch was aus meiner Fachrichtung: Ich würde so weit gehen, den Medien einen eigenen, vierten Punkt zu geben. Die Filter Bubble halte ich nämlich für eine der größten Gefahren, denen wir in einer globalisierten, digitalen Welt begegnen. Nicht nur die Zeitungen, die man liest, bilden Meinungen – bei denen weiß selbst jemand, der nicht viel reflektiert, (insgeheim) über ein geringes Ansehen oder eine niedrige Qualität Bescheid. Die Facebook Timeline allerdings wird zur persönlichen Welt, die „Freude“ und Abonnements zur gefühlten Wahrheit, einem Spiegel der Gesellschaft, der aber in Wirklichkeit nahezu nur die eigene, homogene Gruppe wiederspiegelt. Deshalb war ich auch bis zum Schluss komplett sicher, dass Hillary gewinnt. Es kann nicht genügend Leute geben, die den anderen Spinner wählen würden. Ich kenne keinen einzigen! Ups.
    xx

    • kea
      Reply kea November 16, 2016 at 8:41 am

      Liebe Sabine, vielen Dank für deinen Kommentar! Wie schön, dass durch das greenbloggermeetup ein Netzwerk entsteht, in dem BloggerInnen über den Lifestyle-Tellerrand hinausschauen und sich mit Themen beschäftigen, die für die Gesellschaft und den blauen Planeten so wichtig sind. Ich freue mich, dass ich es geschafft habe, mit diesem Artikel nicht von oben herab zu klingen, denn auch ich habe Wissenslücken und bin keineswegs in allen politischen Gebieten argumentativ sattelfest – ich finde es aber auch wichtig, das zum Thema zu machen, es zugeben zu können und sich dann eben darum zu bemühen, diese Lücken, soweit möglich, zu schließen. Auf die komplexen Fragen dieser Welt gibt es keine einfachen Antworten, auch unsere PolitikerInnen haben sie nicht, aber ich finde, solange der Wille da ist, sein Bestes zu geben und sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, ist alles da, was es für eine funktionierende Demokratie braucht.
      Du hast absolut recht, ich habe gerade gestern einen Artikel zum Thema Filter Bubble gesehen und muss sagen, dieses Thema hat definitiv einen vierten Punkt verdient. Denn diese Art von Manipulation, von gefilterter Information unterwandert uns ganz unbemerkt. Auch diejenigen, die sich so sehr damit brüsten, sich nicht mehr von der konventionellen Presse informieren zu lassen, sondern vom Netz – sie leben in ihrer eigenen Filterblase, die ihnen immer wieder ihre eigene Meinung vorkaut. wir sind alle dazu aufgerufen, wachsam zu sein und ein möglichst breites Spektrum an Information zu beziehen, um dann am Ende, irgendwo zwischen den Zeilen unsere eigene Meinung zu finden. Ein weiteres Merkmal der online Welt ist sicher auch die völlige Enthemmung, die da stattfindet – lese ich mir die Kommentare zu Artikeln und Videos der Nachrichtenseiten durch, wird mir regelmäßig ganz anders. So weit weg von der Trumpschen Wahlkampf-Rhetorik ist das nämlich auch nicht mehr. Und diese starken Vereinfachungen, die sprachliche Verrohung, die persönlichen Beleidigungen jenseits aller Gürtellinien, tragen zu der aufgeheizten Stimmung in kritischen Fragen bei. Aber dazu arbeite ich gerade noch an einem weiteren Artikel 🙂 Danke für den tollen Austausch! Liebe Grüße, Kea

  • Reply Gegen den Hass – Eine Buchreview - hello mrs eve - poetry & furniture November 27, 2016 at 10:46 am

    […] möchte ich eine Reaktion zitieren, die mich nach meinem ersten Artikel zum Thema Politik erreicht hat. Sie steht exemplarisch für eine Handvoll Gespräche, die ich nach dem Erscheinen […]

  • Reply Sonnenuntergänge November - Habutschu! November 30, 2016 at 6:47 am

    […] – im November wirklich ein Thema. Kea schreibt darüber, ob wir hier vielleicht eine andere Politik brauchen oder die Wähler sich ändern müssten, damit wir sicher vor schockierenden Wahlergebnissen […]

  • Reply Ist die Blogosphäre wirklich so apolitisch? - hello mrs eve – Lyrik & Text Blog März 23, 2017 at 7:15 am

    […] Ich will keinen Hass und keine Gewalt mehr. Ich will nicht mehr morgens die Nachrichten einschalten und erschossene Menschen sehen. Ich will nicht dabei zusehen, wie wahlweise Islamisten oder Rechtspopulisten es schaffen, einen Keil in die Gesellschaft zu treiben, der trennt, der Fremdenhass… […]

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