Texte & Essays

Beziehungskrise

Februar 3, 2016

Eigentlich liebt mich Berlin, aber heute nicht, heute spuckt es mir ins Gesicht, mit seinen dreckigen Straßen, Urinpfützen in der U-Bahn-Station und viel zu vielen Menschen. Diese Stadt, die eigentlich jedes Mal mein Herz schneller und weiter schlagen lässt, sobald die S-Bahn den Hauptbahnhof verlassen hat und Richtung Mitte den Blick auf ihre pulsierende Hauptschlagader freigibt, heute empfängt sie mich gelangweilt und mit lauwarmem Händedruck.

Hast du dich verändert Berlin, oder bin ich es? Seit einem Jahr spült mich das Leben regelmässig an dein Großstadtufer, um zu leben, um dein Tempo zu genießen und mich in der Versuchung deiner tausend Möglichkeiten treiben zu lassen. Anfangs war es eine heiße Liebe, schwitzige Finger schon im Bahnhof Spandau, Vorfreude im Bauch, ein Lächeln auf den Lippen und der Strom von Menschenmengen hat mich durch deine Straßen getragen, wie einen Sänger beim Stagediving. Deine Weite bis zum Horizont, sie hat mich beseelt, nun kommt sie mir vor, wie ein Dickicht aus Beton, ohne Ende, ohne Ausgang.

Berlin, wir haben unsere erste Krise. Mit gemischten Gefühlen bin ich zu dir aufgebrochen, eigentlich ein windiger Tag, genau, wie ich es mag an meinen Reisetagen. Dann jagt der Himmel Wolken übers Land und mein Zug jagt ihnen hinterher. Am Bahnhof in Wiesbaden schmeißen sich die Tauben in Flugformationen in den Wind, lassen sich treiben, am Liebsten möchte ich mitfliegen. Aber ich war ganz schön entwöhnt, sechs Wochen lang in meinem beschaulichen Vorort, der Wald nur ein paar Schritte entfernt, nur wenige Menschen und die, denen ich begegnete, kannte ich. Zwei paar Katzenohren und paar Männerohren, hinter denen ich abends auf dem Sofa kraulen konnte. Gemütlich war das, warm und vertraut. Habe unsere Fernbeziehung ausgedehnt und dir nur von Ferne ab und zu ein paar Grüße geschickt, dich vertröstet, aufgeschoben, hinausgezögert.

Vielleicht hat dich das beleidigt und nun zeigst du mir deine kälteste Schulter. Ich bin wieder hier, aber nach der langen Abstinenz fremdeln wir. Beäugen uns mit Argwohn, fassen uns bei der Hand, aber es ist plötzlich ungewohnt, unsere Finger passen nicht mehr so reibungslos ineinander. Ich erzähle dir vom Wald und von Gärten voll von Apfelbäumen, deine Antwort sind lange Alleen und Plattenbauten. In der Unterführung am Alexanderplatz platzieren mutmaßliche Zeugen Jehovas einen Aufsteller mit dem Wort: „ Lebensfreude“. Ich kann mir keinen unwirtlicheren Ort vorstellen für dieses Wort, für dieses Gefühl, als diese zugige Bahnstation, in der jeder in der Anonymität untergeht, alles voller Kaugummiflecken und Streßschweiß, gekachelte Wände, Bratfettgeruch. Warst du immer schon so, Berlin? Habe ich nur im Rausch der ersten Verliebtheit darüber hinweggesehen? Haben mir die Schmetterlinge und Glückshormone die Sicht vernebelt und jetzt langsam dämmerts mir und ich sehe deine Macken und du meine?

In der U-Bahn sitzen die Menschen dicht an dicht, aber keiner lächelt. Ich habe Sehnsucht nach etwas Warmem. In meiner Wohnung angekommen, mache ich mir eine heiße Milch, stehe am Fenster und schaue in meinen wohlbekannten Hinterhof. Berlin, ich glaube, wir müssen reden.

 

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13 Comments

  • Reply Thao Februar 3, 2016 at 9:58 am

    Ein sehr cooler Text! Sehr schön geschrieben.
    Gefällt mir super 🙂

    Mir geht es momentan auch so in der Großstadt, in der ich gerade lebe.

    LootieLoo’s plastic world

    • kea
      Reply kea Februar 3, 2016 at 10:00 am

      Liebe Thao, vielen Dank, das freut mich, dass dir der Text gefällt und du dich darin wiederfindest! Fürs Wochenende ist ein Ausflug ins Umland geplant, vielleicht müssen wir uns dann einfach erstmal unsere kleinen Auszeiten in der Natur verschreiben 🙂 Liebe Grüße an dich!

  • Reply Theresa Februar 3, 2016 at 10:14 am

    liebe Kea,
    ja, Berlin war schon immer so. Rauh, dreckig, anonym. Nach meinem Auslandsjahr in Paris habe ich auch mit der von mir seit Kindheitstagen innig geliebten Stadt gefremdelt. Ich habe ein paar Monate gebraucht, um mich aufs Neue zu verlieben, die schönen Dinge zwischen all der Tristesse wahrzunehmen. Berlin macht es uns wirklich nicht immer leicht, besonders nicht im Winter. Aber auch dann ist ein bisschen Platz für das Schöne und Besondere. Sei es ein Akkordeonspieler im U-Bahnhof, ein paar gemütliche Stunden im Lieblingscafé, ein charmantes Lächeln an der Supermarktkasse oder der Luxus, an einem Sonntag im Späti nebenan köstliches Fladenbrot mit türkischen Pasten zu bekommen. Langfristig beantwortet das auch bei mir noch nicht die Frage, ob es für ein Leben in der Stadt reicht oder es vielleicht doch eher der grüne Stadtrand sein sollte, der beide Welten ein wenig vereint. Aber wann immer du dich in dieser Stadt ein bisschen verloren und allein fühlst, sei dir bewusst, liebe Kea, du bist es nicht.
    Ich drück dich und freue mich darauf, bald etwas schöne Berlinzeit mit dir zu verbringen!
    Alles Liebe,
    Theresa

    • kea
      Reply kea Februar 3, 2016 at 11:24 am

      Liebe Theresa, Danke für deine lieben und aufmunternden Worte!! Ich glaube, du hast recht! Meine verliebten Augen habe sich da manche Ecke auch einfach schöngeguckt am Anfang. Alles war neu, groß, aufregend. Hat nach den Jahren in der Kleinstadt auch so gut getan, großgeworden bin ich ja in Frankfurt am Main und die Großzügigkeit hat mir in Wiesbaden oft gefehlt. Aber ich sage dir was: Ich glaube, es ist nicht nur der Winter. Es ist auch das Alter 😀 Oder im besten Fall die Weisheit *grins* Mir ist jedenfalls mehr und mehr nach Natur und nach Ruhe. Ich brauch nicht mehr ganz so viel Ablenkung wie früher. Das Zuhause am grünen Stadtrand jedenfalls klingt doch nach einem fabelhaften Plan – das beste aus beiden Welten! Ich käme dich mit Begeisterung besuchen! Und melde mich für unsere gemeinsame Teestunde per Mail bei dir 🙂 Liebe Grüße!! Kea

  • Reply Nadine - breukesselchen Februar 3, 2016 at 12:31 pm

    „Liebe Kea, hier spricht deine Zweitwahlheimat Berlin: Ja, ich bin beleidigt. Du hast das Jahr damit begonnen, einfach von mir fern zu bleiben. Viel viel länger als sonst! Du hast das Neue Jahr in Wiesbaden verbracht…pöh! Warum nicht bei mir? Du hast somit nicht all meine schönen Silvesterraketen gesehen, die mich haben erstrahlen lassen. All die ausgelassenen fröhlichen Menschen. Okay, ich weiss, zu viel Menschen ist auch beängstigend, aber diese Fröhlichkeit ist doch was besonderes. Statt dessen warst du in der Natur, hast jedem Baum gute Nacht gesagt und mich hier im Regen stehen lassen. Das habe ich nicht verdient. Schliesslich biete ich dir ein schönes Zuhause hier mit all deinen Freunden! Ich bin deine Bloggerheimat, dein Hafen für Inspirationen für Begegnungen und zugleich das Schiff, welches dich in alle unterschiedlichen Kulturen und Fazetten meiner Stadt (Seele) führt. Ich will, dass du mich wieder so lieb hast, wie beim ersten Mal! Ich will, dass du mich von der Schönsten Seite siehst, mit all meinen Cafés und den tollen kleinen Boutiquen! Daher habe ich dir heute einfach mal die Augen geöffnet, für meine Schattenseiten, damit du morgen, ja, genau, morgen mich wieder mit all deiner Liebe empfängst, die mir gebürt! Dann strahle ich wieder in deinem Herz, wie du es so liebst! Denn genau das mache ich mit all meinen Bewohnern, die mir den Rücken kehren oder einfach mal weg bleiben. Ich habe dich vermisst! Dein Berlin!“
    😀

    • kea
      Reply kea Februar 3, 2016 at 1:34 pm

      Thaha, Nadine, du bist ja der Kracher! 😀 Und recht haste, zu einem Beziehungsgespräch gehören immer Zwei! Mindestens! Denn so ein bißchen steckt in deinem Kommi auch die Paartherapeutin, die Berlin und mir wieder auf die Spur helfen will 🙂 Und die strahlende Sonne heute und all die lieben Menschen, mit denen sich langsam mein Terminkalender füllt, versöhnen mich auch allmählich wieder mit der großen Stadt. Schließlich sind es die wundervollen Begegnungen, die mein Zweit-Zuhause für mich so kostbar machen! Liebe Grüße! Fühl dich gedrückt!

      • Reply Nadine - breukesselchen Februar 3, 2016 at 1:51 pm

        😀 Schön, dass ich dich zum Lachen bringen konnte. 😀 Aber dein Berlin wollte unbedingt auch was sagen. hihii. Tja, Großstädte sind halt sehr feinfühlig und mein good-old-Hamburg ist auch am Anfang sehr beleidigt gewesen, als ich ihm den Rücken kehrte. Aber ich hab ihm versprochen, immer mal wieder vorbeizuschauen und es zu streicheln. Ihm zuzulächeln und es in höchsten Tönen zu loben. Nunja und irgendwann, ja, irgendwann zieht es mich bestimmt wieder zurück. Tja, meine Liebe, du weisst genau, dass dein Gefühl dir auch sagt, wann es Zeit ist, neue Wege zu gehen, loszulassen oder einfach etwas zu verändern. Das Jahr ist noch frisch und so viele Abenteuer warten! Mit Berlin oder ohne, die lieben Menschen werden dir hoffentlich immer bleiben! Denn die Menschen verbindet man mit einer Stadt und ist mit ihr somit verbunden. 🙂 Drücke dich zurück!

  • Reply Ani Februar 3, 2016 at 2:25 pm

    Liebste Kea,
    vielleicht hat dir Berlin für eine Weile genau das gegeben, was du gebraucht hast. Vielleicht bist du hier sogar ein bisschen über dich hinausgewachsen. Wenn du spürst, dass es an der Zeit ist zu gehen, wird das die richtige Entscheidung sein. Ich bin mir sicher, dass du viel mitnehmen wirst!
    Als Dorfkind verstehe ich das nur zu gut. Ich bin noch nicht so weit. Aber irgendwann!

    • kea
      Reply kea Februar 4, 2016 at 11:09 am

      Liebe Ani, Danke für deine lieben Worte! Ja, ich glaube, ich habe mich tatsächlich einfach auch verändert und brauche nicht mehr dieselbe starke Dosis meiner Berlin-Droge, wie früher 😉 Ich komme mehr und mehr zu dem Ergebnis, dass ich an meinem Pendel-Rhythmus schrauben werde – ein bißchen weniger Großstadt, ein bißchen mehr Landluft. Mal sehen, in welcher Form ich mein Zelt in der Hauptstadt dann aufstelle. Liebe Grüße an dich!!

  • Reply Polly Februar 3, 2016 at 3:57 pm

    🙂

  • Reply Christine Februar 5, 2016 at 4:41 pm

    Ich kann das gut verstehen. Ich wohne selbst sehr beschaulich, direkt an den Alpen und quasi mitten in der Natur. Ich arbeite aber in der Großstadt. Ich kann zum Glück pendeln, denn auch wenn das Tempo in einer großen Stadt ein ganz anderes ist und ich das auch mal sehr genieße, würde ich mich wohl auf Dauer auch ein wenig fremd fühlen…
    Na ja, man braucht nach längerer Abstinenz wohl auch einfach wieder etwas Zeit sich erneut einzugewöhnen. 😉

  • Reply Lydia Februar 23, 2016 at 6:34 pm

    Jaaaa, dit is Berlin. Oder Dog Shit City, wie ich es liebevoll nenne. Lass Dir nix gefallen. Im Ernstfall einfach zurückmotzen – Berlin kann das ab. 😉

    • kea
      Reply kea Februar 24, 2016 at 3:56 pm

      Da haste recht, diese Stadt ist einiges gewohnt 😀 Und ist wie die Berliner selbst: schnoddriges Mundwerk, aber eine Seele aus Gold!

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