15 Meter

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Ich bin schlecht im Einschätzen von Entfernungen. Aber ich glaube, es sind ungefähr fünfzehn Meter, die der Weg von seiner Wohnungstür über einen grauen Kurzflorteppich misst, bis er bei den Aufzügen ums Eck führt. Ein Schlauch spärlich beleuchteten Hausflurs in einem 70-er Jahre Appartementblock. Fünfzehn Meter nach seinem Abschiedskuss, die ich überbrücken muss und die mir vorkommen, wie eine halbe Ewigkeit.
Ich hatte erwartet, dass er die Tür zuziehen würde, kaum, dass sich unsere Lippen voneinander getrennt haben. Aber er tut es nicht. Hinter mir erklingt kein Geräusch, vielmehr breitet sich eine gespenstische Stille aus in dem Raum, den ich hinter mir zurücklasse und der mit jedem Meter größer wird. Das fehlende Einrasten des Schlosses in der Tür hinter mir kann nur bedeuten, dass er noch dort steht und mir nachsieht und binnen zweier Meter wird mir klar, dass ich in den kommenden fünfzehn Sekunden die folgenschwere Entscheidung treffen muss, ob ich mich an der Ecke, die scharf nach rechts abbiegt, noch einmal umdrehen werde oder nicht.

Wie bei einem Selbstmörder, der vom Hochhausdach abgesprungen ist, laufen vor meinem inneren Auge die Momente unserer bisherigen Zweisamkeit vorbei, die kleine Menge Lebenszeit, die wir miteinander verbracht hatten. Die fünf Minuten, die er mich am Bahnhof zu spät abholte, das Restaurant mit dem ausgezeichnetem Sushi, die Türen, die er mir offen hielt, die Kerze, die er angezündet hatte, seine Hände in meinem Haar, meine Beine um seine Hüften, die Mandarinen, die wir um Mitternacht gegessen hatten, das Frühstück, das er mir ans Bett brachte, die Frage nach einem nächsten Wiedersehen, die wir nicht ausgesprochen hatten.

Noch neun Meter. Mir bleiben noch neun Meter, um zu entscheiden, ob ich das Spiel der künstlichen Verknappung spielen möchte oder nicht. Bin ich das bindungswillige Mädchen, das sich umdrehen wird und damit ein „ich möchte dich wiedersehen“ signalisiert? Eine Rückversicherung, dass er noch da ist, ein letzter Moment der Gefühlsbekundung, bevor ich aus seinem Sichtfeld verschwinde? Oder bin ich die unabhängige Frau, die nicht im Traum mehr an ihn denkt, pfft, nach fünfzehn Metern doch nicht, da ist sie doch längst in den Gedanken wieder bei sich, ihrer Arbeit, ihren Männern, ihrer Welt. Die es selbstverständlicher Weise nicht nötig hat, sich umzudrehen, die einfach geht, locker, leicht, wie ein Vögelchen so frei.

Bei sechs Metern bin ich der Überzeugung, dass ich mich nicht umdrehen werde. Und genau das wird ihn wahnsinnig machen. Ich werde das Mysterium sein, die Unnahbare, ich werde seinen Jagdinstinkt in ein enthemmtes Trüffelschwein verwandeln, das nach Jahren im Laufstall das erste Mal frische Walderde am Rüssel spürt. Die Emanzen der Welt werden mir auf die Schulter klopfen, wenn ich erst im Aufzug bin, ich werde mir ein Gewinnerinnenlächeln entgegenwerfen, im schmutzigen Spiegel und noch heute Abend eine erste Sehnsuchts-Nachricht von ihm auf meinem Handy finden. Meine Mitbewohnerin Josefine wird stolz auf mich sein. Neuerdings hält sie mir, bevor ich zu einer Verabredung aufbreche, flammende Motivationsreden, die man genauso gut in der Halbzeitbesprechung durch die Stadien-Katakomben brüllen könnte: -„Denk dran, gehe nie zu weit aus deiner Deckung, hörst du? Nie! Sobald du aufmachst, bietest du eine Angriffsfläche für den gegnerischen Treffer. Sei ihm immer einen Spielzug voraus!“. Ich hasse Fußball, ich habe es immer gehasst.

Bei vier Metern fünfzig schleicht sich ein erster Zweifel ein. Was, wenn er kein Mann der Taktik ist? Was, wenn er in diesem Türrahmen steht mit offenem Herzen und ehrlich gemeinter Zuneigung? Diese Möglichkeit hat mein zynisches, Date-erprobtes Ich schon fast ausgeschlossen, aber nun, da der Weg bis zum Treppenhaus bereits gefährlich nahe ist, holt sie mich auf der Zielgeraden ein. Was wäre, wenn es sich bei diesem Mann, der nun ungefähr zwölf Meter hinter mir in einer Türschwelle auf mein Zeichen wartet, gar nicht zu der Sorte bindungsphobischer, hedonistischer Ausprobierer gehört, die an jeder Frau einmal schnuppern, aber nie wirklich eine in ihr Leben lassen möchten. Was, wenn er ein Exemplar jener seltenen Spezies ist, die inmitten dieses Datingwahnsinns in Zeiten von Tinder und Co nach etwas Echtem suchen, nach etwas altmodisch Beständigem? Wenn er mich nicht wegwischen will, mit einem Finger quer über den Bildschirm – swoosh, die Nächste bitte? Mir bricht Angstschweiß aus. Zuviel hängt an dieser rauhfaserbeklebten Ecke, sie ist zu bedeutungsschwer, sie hat zu viel Gewicht.

Kann es so bekloppt sein? Kann an einem Eingang zum Treppenhaus eine ganze Zukunft hängen? Bin ich in zehn Jahren Mutter zweier entzückender Kinder und werden wir im Garten unseres Flachdachbungalows in Köpenick sitzen und mit Freunden grillen?  Entscheiden sich ganze Lebensläufe vielleicht in so einem winzigen Moment wie einer Kopfbewegeung in einem Treppenhaus?
Es ist erstaunlich, wieviel zu denken man binnen so weniger Meter in der Lage ist. Mein Hirn ist wund. Mein Verstand hetzt zwischen Ja und Nein hin und her wie ein Hund, dem man mit seinem Lieblingskauknochen vor der Nase herumwedelt. Denn es ist doch so: Will ich diesen Mann? Ich glaube Ja. Ich glaube, ich möchte noch mehr Mandarinen um Mitternacht. Noch ein Meter. Gut, ich will diesen Mann – aber was ist die Konsequenz daraus? Mein Kopf liefert außer einem irren Piepen, das an ein leerlaufendes EKG-Gerät erinnert, keine brauchbaren Ergebnisse mehr.
In diesem Augenblick rummst etwas dumpf gegen mein Schienenbein. – „Aua!“ Eine Mädchenstimme dringt vom Teppich rauf zu mir. Ich gehe in die Knie, auf Augenhöhe mit dem Karambolage-Opfer, einem aufblasbaren Hüpfball samt seiner ungefähr sechsjährigen Besitzerin. Die Kleine wischt sich ihre Haare aus der Stirn und reibt sich die Stirn. Sie weint nicht, sie schaut mich mit großen Augen an. -„ Das hat wehgetan“ sagt sie. Ich streiche ihre Haare weg und begutachtet ihren Kopf, er scheint unversehrt. -„ Mir auch ein bißchen“, sage ich und sie lächelt mich schief an. Der Hüpfball ist ein paar Meter weggekullert. -„Wer bist denn du?“ fragt sie. -„Laura.“ Ihre Augen leuchten begeistert auf. -„Echt? Ich heiße auch Laura! Wohnst du hier?“ Ich schüttele den Kopf. „-Nein, ich habe nur jemanden besucht.“ -„ Wen denn? Deine Mama?“ Ich lache und schaue zurück zu der Tür, aus der ich gekommen bin. Dort steht Tobias immer noch im Türrahmen und sieht uns amüsiert zu. -„ Nein, Tobias“. Ich zeige auf das Appartment. „ Ist das dein Freund?“ Ich zögere und antworte dann -“ Hmm, ja, so in der Art.“ Sie prustet vergnügt-entrüstet auf. In ihren Augen sind wir Erwachsenen wohl ziemlich komplizierte Leute. -„Man weiß doch, wer seine Freunde sind!“ sagt sie, im Brustton der Überzeugung. -„Magst du den?“ -„ Ja, ich mag ihn.“, sage ich grinsend. „Und mag er dich auch?“ -„Ja, er mag mich auch.“ Zufrieden klatscht sie in die Hände. -„Siehst du. Dann seid ihr Freunde!“ Über ihren Kopf hinweg lächelt Tobias immer noch. Unsere Blicke treffen sich und plötzlich ist das Piepen in meinem Kopf ganz still. Meine kleine Namens-Vetterin hat inzwischen ihren ausgebüchsten Gummiball wieder eingesammelt und zupft an meiner Hose: -„Hey du! Kommst du mit raus?“. Ich nicke, sie nimmt mich bei der Hand und zieht mich um die Ecke.

10 Comments

  1. Polly says:

    😀

    Frohes neues Jahr!

    1. kea kea says:

      Und dir erst 🙂

  2. Carolin von Caros Küche says:

    Liebe Kea, ein toller Geschichtenansatz 🙂 Gefällt mir total gut und lässt mich so langsam ins neue Jahr hineinfinden … Möge es ein fantastisches Jahr werden!
    Liebe Grüße und bis bald!

    1. kea kea says:

      Wie schön liebe Caro! Toll, dass sie dich ein Stück mit ins neue Jahr begleiten durfte 🙂 Ich wünsche dir ebenfalls alles alles Gute für 2016, viel Kraft, Freude und Sonne im Herzen! Ich freu mich, dich bald in Berlin wieder zu sehen! Liebe Grüße!

  3. Josie says:

    Ich wünsche Dir ein grandioses neues, spannendes Jahr liebe Kea.
    Die Geschichte regt wirklich zum nachdenken an. Für Singles ist es in der heutigen Zeit (das klingt als wäre ich schon 80 haha) sicher nicht mehr so leicht DEN einen richtigen Partner zu finden. Gefühlschaos, Gedankengrütze.. da gibt es so viel abzuwägen. Tinder& Co sei dank.
    Da bin ich wirklich froh, dass ich meinen Herzmenschen schon gefunden habe.

    Liebste Grüße& ein happy 2016
    Josie

    1. kea kea says:

      Vielen lieben Dank, Josie, das wünsche ich dir auch! Gesundheit, Glück und viel viel Freude bei allem, was du tust 🙂 Ach nein, das klingt nicht wie 80, das ist nur realistisch, ich habe gerade ein tolles Buch über die Folgen der Digitalisierung für das Liebesleben moderner Menschen verschlungen, das mich unter anderem zu der Geschichte inspiriert hat. Ich freu mich, dass sie dir gefällt 🙂 Liebe Grüße! Kea

  4. Lydia says:

    Ein sehr toller Text. Ich habe ihn sehr gerne gelesen! Danke dafür und bitte mehr davon!
    Ein schönes Jahr 2016 wünsche ich dir!

    1. kea kea says:

      Vielen Dank, liebe Lydia, sehr gerne, das Jahr ist ja noch lang und in meinem Kopf warten noch viele Geschichten 🙂 Für dich ebenfalls ein ganz tolles, gesundes, fröhliches und inspirierendes 2016!

  5. Lisa says:

    Sehr schön geschrieben 🙂 Hat mir in der Ubahn gerade ein Schmunzeln entlockt (obwohl ich auf dem Weg zur Arbeit bin) Liebste Grüße!

    1. kea kea says:

      Hey meine Liebe, das freut mich ganz besonders – auf dem Weg zur Arbeit sind ja sozusagen „erschwerte Bedingungen“ 😉 Komm gut in den Tag! Einen festen Drücker!

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